Wall Street hofft, dass das Schlimmste vorbei ist
Aufatmen zum Wochenschluss

Der sich zuspitzende Nahost-Konflikt und Ergebniswarnungen haben an der Wall Street für eine dramatische Entwicklung gesorgt. Erst am Freitag entspannte sich die Lage, die Kurse zogen wieder kräftig an.

NEW YORK. Der Freitag der 13. war diesmal ein Glückstag. Nach einer Serie von schweren Einbrüchen in den Tagen zuvor haben an der Wall Street die Technologiewerte in rasantem Tempo Boden gut gemacht. Der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten Industriewerte drehte nach einem Absturz am Vortag kurz vor der psychologisch wichtigen 10 000 Punkte-Marke in positives Territorium. Die Sorge, dass der neu ausgebrochene Nahost-Konflikt Öl noch knapper und teurer werden lässt, schien sich nicht zu bestätigen.

Nach ersten positiven Ergebnismeldungen aus dem Technologiesektor machte sich wieder vorsichtig Optimismus breit. Doch ob die Korrekturphase im High-Tech-Sektor vorbei ist, wagt angesichts der abkühlenden US- Wirtschaft niemand zu sagen. Höhere Erzeugerpreise und ein weiter robustes Konsumverhalten lassen außerdem fürchten, dass die Inflationsgefahren noch nicht gebannt sind und die Zentralbank die Zinsen zumindest nicht senken wird. Analystin Abby Joseph Cohen von der Investmentbank Goldman Sachs hielt auch diesmal die Hoffnungen hoch. "Die US-Wirtschaft ist sehr gesund, wir können unser Wachstum von 3 % bis 4 % im nächsten Jahr aufrechterhalten und eine Rezession ist keinesfalls in Sicht", sagte sie.

Die wegen ihrer positiven und bisher überwiegend korrekten Prognosen auch "Wall Street Prinzessin" genannte Marktstrategin glaubt, dass der Standard & Poors?-500 Index mit nun 1 375 Punkten um 15 % unterbewertet ist. Cohen rät weiterhin, im Portfolio etwa 35 % Technologieaktien zu halten. Sie glaubt zudem, dass die Ölpreise keine dauerhafte Bedrohung sind. Nach der Heizperiode im Winter werde das Schlimmste vorüber sein: "Die Ölpreise werden in einem Jahr niedriger liegen als jetzt."

"Es sieht nicht so aus als ob der Konflikt die Ölpreise beeinflussen wird, deshalb ist heute alles wieder hochgegangen", sagte auch David Malpass von der Investmentbank Bear Stearns. Und Fondsmanager George Gilbert vom Northern Technolgy Fund atmete auf: "Uns geht es jetzt endlich wieder besser, die Welt geht nicht unter."

Eher gelassen nahm den Tumult auch der Chefstratege der Investmentbank Salomon Smith Barney, Marshall Acuff hin: "September und Oktober sind eben schlechte Monate für Aktien", kommentierte er. Belastend für die Märkte seien allerdings die anhaltenden Gewinnwarnungen und der Fall der Aktienkurse unter wichtige so genannte Unterstützungslinien gewesen. Die fundamentalen Rahmenbedingungen für den Aktienmarkt seien jedoch positiv, meinte Acuff. Er empfiehlt auf dem jetzigen Niveau Finanzwerte zum Kauf und würde auch bereits bei einigen Technologiewerten wieder einsteigen. Als attraktiven Einzelwert nannte Acuff den Computerhersteller IBM. Von Aktien wie dem Handyhersteller Motorola oder dem Telekomausrüster Lucent Technologies würde er aber erst mal die Finger lassen. Lucent hatte Ergebniseinbrüche angekündigt und war daraufhin deutlich eingebrochen, Motorola hat zwar die Erwartungen erfüllt, aber vor schlechteren Ergebnissen im nächsten Quartal gewarnt.

Marktstratege Charles Reinhard von Lehman Brothers weist daraufhin, dass die wenigen bisher vorliegenden Quartalsergebnisse ziemlich gut aussehen. Technologiewerte hätten die Erwartungen im Schnitt um 3,2 % übertroffen, die übrigen Werte hätten um 1,1 % besser gelegen. "Technologiewerte erhalten derzeit nicht den Respekt, den sie verdienen", glaubt Reinhard. Er empfiehlt robuste Qualitätstitel wie Cisco, Corning, Oracle, Siebel Systems oder JDS Uniphase. "Der Bullenmarkt ist noch nicht vorüber", sagt Reinhard. Er sieht den S & P-500-Index in diesem Jahr bei 1 600 und 2001 bei 1 800 Punkten.

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Fondsmanager Scott Schermerhorn vom Liberty Growth & Income Fonds nimmt die Home- Depot Aktie als Beispiel. Der Kurs der Baumarkt-Kette brach nach einer Ergebniswarnung um 28 % ein. "Vor einem Jahr hieß es, wählt im Einzelhandel die richtigen Werte aus, dann liegt Ihr richtig", rekapituliert er, "und es wurde Home Depot empfohlen". Ähnlich sei die Lage heute im Technologie-Sektor. Probleme würden an einzelnen Firmen festgemacht. Doch eigentlich gehe die gesamte Branche in eine andere Phase: "Über längere Zeit gesehen sind alle Sektoren zyklisch."

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