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Wall Street Inside: Chips – krosser Genuss oder große Pleite

"Sie verstehen nichts von der Börse, wenn ... sie sich Chips nur zum Knabbern kaufen", zitiere ich aus der "Ablach"-Kolumne der Bild-Zeitung. Doch da haben die Kollegen wohl nicht richtig hingesehen. Wer sich Chips nur zum Knabbern kauft, dem steht zumindest ein krosser Genuss bevor, höchstens Bauchweh dem, der sich Intel und Co an der Börse kauft.

NEW YORK. Zur Wochenmitte verlieren die Halbleiter-Aktien erneut an Boden. Nach einem Quartals-Update, das der Zulieferer Novellus am Vorabend gab, zeigt sich erneut, worauf es am Markt ankommt: auf langfristige Aussichten. Der Aktien-Sprint ist out, Anlegern ist das kurzfristige Auf und Ab schon lange zu bunt. Und der Blick nach vorne - also ins nächste Quartal, ins nächste Halbjahr, ins nächste Jahr - fehlt. Selbst im Rahmen einer durch und durch positiven Analystenkonferenz, in der Novellus-CEO Richard Hill Umsatz- und Gewinnwachstum bekannt gab, traute er sich nicht an einen auch nur vagen Ausblick.

Investoren sind da nur konsequent, zumal es auch in anderen Branchen an Klarheit mangelt: Sie ziehen sich noch weiter zurück. Mit der Folge, dass die Nasdaq nun schon wieder unter einen technischen Widerstand gefallen ist. Schon in den ersten Handelsminuten rutschte das Tech-Barometer unter die 1 640 Punkte-Marke - "es sieht nicht gut aus", klagt da Chris Bibow, Charttechniker von National Securities. Er sieht die Techs weiter fallen, und nicht nur die. Auch der Dow zeige sich bearish, meint er. Für Bibow zeichnet sich rückblickend seit Januar eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation ab, die nahe lege, dass der Dow weiter nachgebe.

Dabei misst Bibow dem jüngsten Sturz ins Vierstellige weniger Bedeutung bei als dem drohenden Widerstand bei 9 850 Zählern. Da liegt der 200-Tagesdurchschnitt für die Blue Chips. "Einmal drunter fällt der Dow auf 9 750 Punkte", warnt der Mann mit dem Lineal. Und damit macht er nicht nur Jüngern der Chart-Technik Angst. Mangels fundamentaler Nachrichten kursiert seine These auf dem Parkett und wird auch von anderen Anlegern aufgesogen.

Die klammern sich zudem an weitere Sorgen, die seit Wochen über der Wall Street schweben. An nachrichtenarmen Tagen, und die wird es im Sommer noch zahlreich geben, tauchen Wörter wie "Terror" oder "Indien - Pakistan" auf und belasten die ohnehin pessimistische Stimmung. Dass der Donnerstagshandel mit einer weiteren Schweigeminute für die Opfer der September-Attacken beginnen wird, dürfte auch diese Geschichte wieder aufleben lassen. Die Aufräumarbeiten sind am Donnerstag offiziell abgeschlossen, verarbeitet ist der Schock nicht. Vor allem nicht an der Börse.

"Sie verstehen nichts von der Börse, wenn ... sie weiter in fröhlichem Optimismus Aktien kaufen", muss es wohl eher heißen. Aber nicht in der Bild-Kolumne. Denn "Zum Ablachen" ist das Ganze nicht.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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