Wall Street Inside
Kolumne: Warum Rücktritte die Wall Street stützen

Eine halbe Stunde vor der Eröffnungsglocke war der Tag schon verloren. Und die Woche sowieso. Ein unerwartet schwacher Arbeitsmarkt trieb die Futures tief in die Miesen, doch dann kamen aus dem Trüben zwei Retter, die der Wall Street zum Wochenschluss doch noch Gewinne bescheren: Paul O?Neill und Larry Lindsey.

NEW YORK. Zugegeben: Dass mit Finanzminister Paul O?Neill und dem Chefberater des Präsidenten in ökonomischen Fragen, Larry Lindsey, zwei prominente Figuren im Kabinett von George W. Bush zurückgetreten sind, kam am Freitagmorgen aus heiterem Himmel und völlig überraschend. Auch Beobachter in Regierungskreisen erklärten, dass zuletzt nichts darauf hingedeutet hatte, dass Präsident Bush das Personalkarussell anschubsen wolle. Nun ist aber genau das passiert: O?Neill, so heißt es, ist vom Weißen Haus zum Rücktritt aufgefordert worden, bei Lindsey liegt dies nahe, ist aber nicht offiziell bekannt.

So überraschend die beiden Rücktritte vor dem Wochenende aber kommen, erklärbar sind sie allemal. O?Neill war im politischen Umfeld mehrfach angeeckt. Er hatte sich immer wieder gegen einige maßgebliche Steuerentwürfe des Präsidenten gewehrt, hatte die Notwendigkeit von Steuersenkungen als Konjunkturdoping in Frage gestellt, die jedoch George Bush massiv vertritt.

Larry Lindsey seinerseits war lange auf Präsidenten-Kurs - bis der Konflikt mit dem Irak eskalierte und sich ein militärischer Angriff, ein Krieg, abzeichnete. Mehrfach warnte er vor den hohen Kosten einer solchen Intervention, er setzte einen Irak-Krieg bei bis zu 100 Mrd. $ an.

So waren O?Neill und Lindsey - beide mit tadelloser Biografie, einer früherer CEO von International Paper und Alcoa, der andere Fed-Gouverneur und Berater schon von Präsident Reagan und Vater Bush - keine einfachen Team-Player. Im Gegenteil: Beide waren von vornherein hochqualifizierte Experten mit eigenem Kopf, eigenem Verantwortungsbewusstsein und sicherlich frei von jeglichem Jasager-Geist. Einem Präsidenten in der Krise waren beide hingegen ein Dorn im Auge und vielleicht sogar gefährlich, denn der braucht so viel Zustimmung und so wenig Kritik wie möglich.

Und George W. Bush steckt in einer Krise, das ist keine Frage. Bisher bringt man den Präsidenten schließlich nicht nur im Ausland sondern auch in den USA vor allem mit dem Kampf gegen den Terror und mit der Irak-Krise in Zusammenhang. Als Wirtschaftslenker und Hüter der Konjunktur hat er sich noch keinen Namen gemacht. Dass wiederum mit einem Ruf als Kriegsherr keine Wahl zu gewinnen ist, das hat Bush von seinem Vater gelernt, der über den Golfkrieg die Wirtschaft hatte zu kurz kommen lassen.

Bush muss sich Volkes Stimme im Jahre 2004 stellen, und bis dahin muss er sich ein zweites Standbein aufgebaut haben, das nur die Wirtschaft sein kann. Für die nächsten Wochen hat er sich ein volles innen- und finanzpolitisches Programm vorgenommen, dass neben den geplanten Steuersenkungen auch eine neues Konzept für das Gesundheitswesen und Veränderungen in der Sozialversicherung beinhaltet. Bush braucht nun Multiplikatoren, die sein Konzept nach außen vertreten - O?Neill und Lindsey konnten das nicht sein, da sie an einigen Punkten zweifelten. Zurecht womöglich, es gibt auch andere Kritiker, die beispielsweise in den Gesetzen über Arzneimittelpatente und Rezeptgebühren eher ein Geschenk an die Pharmaindustrie sehen als eine Konjunkturspritze oder gar Service am Verbraucher.

Das Bush-Konzept in seinen Details hin oder her, am Freitagmorgen wird durch die Rücktritte von zwei Schlüsselfiguren in der Administration klar, dass sich Bush das Thema Wirtschaft vorgeknöpft hat, und dass eine Verschiebung vom Schwerpunkt Krieg zum Schwerpunkt Konjunktur statt findet. Der Börse kann das nicht schaden, zumal ein Nachfolger zumindest für O?Neill aus entsprechenden Kreisen kommen könnte.

"Der nächste Finanzminister kommt wahrscheinlich von der Wall Street oder von einer der großen Banken", meint Dr. Irwin Kellner, Professor für Volkswirtschaft an der New Yorker Hofstra-University. Im Gespräch ist am Morgen unter anderen Richard Grasso, der Chef der New York Stock Exchange. Dass der die Interessen der Wall Street in Washington anders vertreten würde als O?Neill und Lindsey dies taten ist klar - und vor diesem Hintergrund steigen die Kurse zum Wochenschluss.

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