Wall Street inside
Kontraproduktiv: Bush will Mut machen – und enttäuscht

Neues Spiel, neues Glück? Von wegen. Nach der schwärzesten Woche, die Dow und Nasdaq seit den September-Stürzen gesehen haben, geht es am Montag weiter abwärts. Mehr als 300 Punkte verlieren die Blue Chips am New Yorker Vormittag - doch überraschend ist das nicht.

wsc NEW YORK. Denn auf einer Flut von Nachrichten und Kommentaren, die am Montag auf den Markt schwemmt, treibt nicht viel Optimismus. Kleine Auswahl gefällig?

- Der Dollar verliert weiter auf den Euro und notiert mittlerweile mit Parität.

- Ausländische Investoren ziehen sich immer mehr aus dem US-Markt zurück. Nachdem sie im 4. Quartal 2001 noch 166,3 Mrd. $ in Papiere amerikanischer Unternehmen investiert hatten, waren es im 1. Quartal 2002 nur noch 93,3 Mrd. $.

- Die Vorstandsgremien von Duke und El Paso haben Vorladungen in der Post, es geht um weitere Ermittlungen in Sachen Energiehandel.

- Fleet Boston, eine der größten US-Banken, legt schwache Quartalszahlen vor und will sich von seiner Investmentbanking-Sparte Robertson Stephens trennen.

- Der gefallene Telekom-Riese WorldCom soll die Bücher nicht seit 2001 manipuliert haben, sondern bereits ein ganzes Jahr früher. Der entstandene Schaden dürfte nun noch größer ausfallen als die bisher anberaumten 4 Mrd. $.

- Die Analysten von Merrill Lynch geben sich erneut vorsichtig, was die Aussichten für den Chip-Riesen Intel angeht - und der ist ein Indikator für die ganze Computerbranche.

- David Lesar, der CEO des Industrie- und Öl-Multis Halliburton, bestätigt, dass sein Vorgänger und jetziger Bush-Vize Dick Cheney von den umstrittenen Bilanzierungspraktiken im Unternehmen gewusst habe.

- Präsident George W. Bush spricht in Alabama...

...doch das ist eine andere Geschichte. Oder nicht? Während der Präsident zur Konjunktur und zum Vertrauen in Corporate America spricht, stürzt die Wall Street noch tiefer - ganz wie am Dienstag vergangener Woche, als Bush an der Wall Street sprach. Denn offensichtlich hat er aus dem verheerenden Echo vom letzten Mal nichts gelernt. Auch seine Montagsrede vor Unternehmern aus Birmingham ist nicht mehr als Effekthascherei, bringt nichts Konkretes. Bush verspricht, dass "aus dem Übel eine neue, starke Wirtschaft erwächst" - aber er sagt nicht, wie Phoenix aus der Asche steigen soll.

Und erneut kündigt Bush mehr Geld für die Behörden und härtere Strafen an. "Wir können kein Gesetz machen, dass ,Liebe Deinen Nächsten? heißt oder ,Du musst ehrlich sein? - aber wir können ein Gesetz machen, das heißt: ,Wenn du nicht ehrlich bist, dann kriegen wir dich.?" Details? - Fehlanzeige.

Zwanzig Redeminuten lang ist jedes Wort ein Donnerschlag, jeder Satz eine Parole, und danach scheint es, als hätte der Regisseur die Applaus-Taste gedrückt. Am Ende sagt Bush, er sehe sich immer noch als "Präsident des großartigsten Landes auf dem Angesicht der Erde." Noch mehr Applaus. Stehende Ovationen. Marschmusik. Abgang.

An der Wall Street hoffen die Experten, dass sich zumindest Notenbank-Chef Alan Greenspan klarer ausdrücken wird, wenn er am Dienstag in Washington seinen halbjährlichen Bericht zu Lage der Konjunktur abgibt. Doch auch das ist mehr Befürchtung als Hoffnung. Auf dem Parkett tuschelt man, die Fed werde in ihrer nächsten Sitzung ihre allgemeine Haltung gegenüber der Wirtschaft von "neutral" auf "negativ" zurückstufen. Und das ist auf einer langen Liste nur ein weiterer Punkt, der den Handel zum Wochenstart belastet.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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