Wall Street Kolumne
Amerika braucht den Rest der Welt nicht

Viele waren enttäuscht von George Bushs Wall Street-Rede am Dienstag. Doch hat der Präsident auch Bewunderer, und so geriet ich am späten Abend in einen heftigen Streit über des Präsidenten Eloquenz, die Wirksamkeit seines Maßnahmenkatalogs in Sachen Bilanzbetrug und über die Glaubwürdigkeit Bushs im Allgemeinen.

wsc NEW YORK. Irgendwann meinte mein Gegenüber, Bush sei unterm Strich einer der besten Präsidenten aller Zeiten und Kritik aus dem Ausland ließe ihn (meinen Gegenüber) ohnehin kalt - Amerika brauche den Rest der Welt nämlich nicht. Das war dann auch sein Schlussplädoyer, er meinte das ernst - und ich ging mir lieber noch ein Bier holen.

Amerika braucht den Rest der Welt nicht - so ähnlich werden auch die Index-Experten bei Standard & Poor?s gedacht haben. Sie werfen die letzten sieben ausländischen Unternehmen aus ihrem marktbreit gefassten Index von 500 maßgeblichen Unternehmen - und ersetzen sie allesamt durch US-Firmen. Globalisierung ist das nicht, und bei Standard & Poor?s gibt man offen zu, dass man daran auch nicht interessiert ist. "Wir konzentrieren den S&P 500-Index auf amerikanische Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung", erklärt David Blitzer, Vorsitzender des Index-Komitee. "Das macht es Investoren einfacher, den US-Markt einzuschätzen und Strategien zu entwicklen."

Die ausländischen Unternehmen, darunter der Energiekonzern Royal Dutch und der Konsumriese Unilever (beide Holland), die Rohstoffkonzerne Alcan, Barrick Gold, Placer Dome und Inco sowie der Netzwerker Nortel (alle Kanada), sollen allerdings nicht ganz aus der Betrachtung der Analysten fallen - sie werden in internationalen Indizes weitergeführt. Doch ob "Europe 350" oder "TSX 60" - Blitzer geht davon aus, dass sich eine Mitgliedschaft im Index nicht langfristig auf die Performance der Aktien auswirkt. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass es nur kurzfristige Kursschwankungen gibt, wenn Aktien in einen Index kommen oder gestrichen werden."

Diese kurzfristigen Schwankungen sind allerdings massiv, denn mehr als 850 Mrd. $ liegen in Index-Fonds, die direkt an den S&P 500 gebunden sind. Fondmanager handeln schnell, wenn sie, wie in den nächsten Tagen notwendig, 200 Mio. Aktien von Royal Dutch abstoßen oder 100 Mio. Aktien von United Parcel Service nachkaufen müssen - und die Kurse springen. Die unlieb gewordenen Ausländer verlieren am Mittwoch bis zu 7 %, Papiere von Nortel geben gar 12 Prozent ab. Die Neuzugänge, darunter außer UPS die Finanzdienstleister Goldman Sachs, Prudential und Principal Financial, die IT-Firmen Electronic Arts und SunGard sowie das Internet-Auktionshaus Ebay, verbessern sich um etwa 5 Prozent.

Trotz nur kurzfristiger Schwankungen lässt sich an der Umschichtung doch eine langfristige Tendenz erkennen - und die spricht nicht unbedingt für künftige Stabilität. Von den S&P-Streichungen wird die langfristig stabile Branche der Rohstoff-Produzenten besonders hart getroffen, neu ins Feld kommen vor allem Finanztitel. Und das sind die Unternehmen, die den Markt zuletzt am meisten verunsichert haben. Ob der Markt so leichter zu überschauen ist, ist zunächst einmal zweifelhaft.

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