Wall Street
Kommentar: Tabula rasa

Die US-Börsenaufsicht SEC und ihr umstrittener Chairman Harvey Pitt haben sich über die neue Kontrolle für die Bilanzprüfer heillos zerstritten. Zugleich wirft ein Ausschuss des Senats der Behörde vor, bei der Überwachung des Pleite gegangenen Energiekonzerns Enron "katastrophale Fehler" begangen zu haben. Nicht nur die Wall Street, auch ihre Kontrolleure stecken in der tiefsten Krise seit dem Ende der 20er-Jahre.

Die Täuschungsmanöver der Profis an der Wall Street und die unglaubliche Schlafmützigkeit der Aufsichtsgremien haben das Vertrauen in den wichtigsten Finanzplatz der Welt schwer erschüttert. Der Vertrauensschwund bei den Investoren lässt sich nahezu täglich am Börsenbarometer ablesen. Die geschönten Unternehmensanalysen, die Bestechung von Managern mit "heißen" Aktien aus Neuemissionen oder die bereitwillige Hilfe bei Bilanztricks lukrativer Kunden - die meisten Skandale bei den führenden Wall-Street-Häusern lassen sich auf ein Motiv zurückführen: Gier - und zwar eine ansteckende, wie Notenbankchef Alan Greenspan kürzlich diagnostiziert hat. Im Rennen nach dem schnellen Geld wurden alle möglichen Abkürzungen genommen. Wenn dank eines boomenden Aktienmarktes selbst der kleinste Kleinanleger noch verdient, wer muss sich da an legale oder gar ethische Regeln halten?

Was jetzt aufgedeckt wird, ist ein System gegenseitiger Gefälligkeiten zum Zwecke des schnellen Profits. Die als Zukunftsmodell gefeierte Vereinigung von Investmentbanking, Unternehmensanalyse und Kreditvergabe unter einem Dach erweist sich als Quell unlösbarer Interessenkonflikte. Es sei doch alles legal gewesen, wehren die Finanzinstitute ab. Dem düpierten Anleger ist es jedoch egal, ob er durch illegale Tricks oder unlauteres Verhalten über den Tisch gezogen wurde. Er wird sein Geld so schnell nicht wieder der Wall Street anvertrauen. So werden die Mauscheleien doch noch zum Bumerang für die smarten Banker. Auf Grund der Börsenschwäche herrscht Ebbe auf dem Markt für Neuemissionen und Fusionen (M&A). Entsprechend schlecht sind die Ergebnisse der Investmenthäuser. Bei JP Morgan und CSFB kündigen sich bereits weitere Entlassungen an.

Die Abstrafung durch den Markt kann jedoch die Kontrolle durch die Börsenaufsicht nicht ersetzen. Es wäre vor allem die Aufgabe der SEC, die Interessenkonflikte der Wall Street aufzudecken und das Vertrauen der Investoren in die Finanzmärkte wiederherzustellen. Der behäbige SEC-Chef Pitt hat sich jedoch von dem ambitionierten New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer das Zepter aus der Hand nehmen lassen. Herausgekommen ist ein Regulierungschaos, das unter Investoren mehr Verwirrung als Vertrauen stiftet.

Spitzer und Pitt haben sich jetzt zusammengerauft und wollen künftig an einem Strang ziehen. Das Gebot der Stunde ist nicht die totale Kontrolle, sondern die vollständige Transparenz. Nur wenn das Interessengeflecht der Wall Street offen gelegt wird, können die Investoren die immanenten Konflikte erkennen. Dann werden sie auch wieder investieren.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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