Wall Street nachbörslich
Ein Schritt in die richtige Richtung – mindestens

Am Montag hatte man einen Crash erwartet, am Mittwoch sah man die größte Rallye seit 15 Jahren. Der Dow schoss um 6,5 % in die Höhe, die Nasdaq um 5 % und gerne hätte man Euphorie und nachhaltigen Optimismus gesehen auf dem Parkett, stattdessen war Analyse angesagt.

wsc NEW YORK. Wichtiges Hilfsmittel dabei: der VIX-Index, den man schon in den letzten Tagen immer wieder zu Rate zog. Der belegt seit Wochenbeginn historisch starke Volatilität, hatte am Dienstag sogar auf einem Allzeit-Hoch und deutlich über den Terror-Notierungen vom September geschlossen. Das zeugt von hoher Nervosität im Markt, die sich vor allem im Optionshandel niederschlägt, wo Fondmanager ihr Aktienrisiko hedgen. Erst wenn diese Milliarden schweren Investoren Stabilität im Markt sehen, kann die Volatilität sinken - der Weg für eine anhaltende Rallye wäre frei.

Am Mittwoch fiel der VIX tatsächlich, allerdings notiert er noch immer auf 45 Punkten und damit so hoch, dass sich die Frage nach der Stabilität der Rallye direkt aufdrängt. Experten fürchten, dass es sich bei dem sagenhaften Aktien-Run um eine Eintagsfliege handeln könnte, zumal es zahlreiche Faktoren gibt, die den weiteren Handel kurz- und mittelfristig bestimmen dürften. Einen davon nennt Goldman Sachs-Analystin Joanne Hill: "Es scheint, als würden die Manager zahlreicher Rentenfonds ihre Aktienanteile allgemein untergewichten, was den Markt weiter belasten dürfte."

Außerdem ist nach wie vor das unkommentierte Gerücht im Umlauf, die Notenbank könnte entweder außerordentlich zusammentreffen, oder zumindest in ihrer nächsten Sitzung Mitte August die Zinsen senken. Was noch vor einem Jahr zumindest kurzfristig den Handel gestützt hatte, könnte sich nun aber kontraproduktiv auswirken und die US-Börsen weiter belasten.

Von kurz auf lang schließt hingegen Art Cashin, der Parkettchef der UBS Paine Webber: "Wenn wir diese Rallye ein paar Tage durchhalten, dann dürfte sie stark genug sein, um auch nachhaltig zu bestehen." Der Haken an Cashins Prognose: Das Wörtchen "wenn".

Was vom Mittwoch übrigbleibt, ist hingegen ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung - egal ob der aktuelle Auftrieb anhält oder sich noch einmal verzögert. Der Tag wird mit dem zweithöchsten Gewinn aller Zeiten in die Wall Street-Geschichte eingehen, Kongress und Senat haben sich auf eine Gesetzesvorlage zum Schutz vor Wirtschaftskriminalität und Anlegerbetrug geeinigt, mit der Verhaftung der Adelphia-Familie um den gierigen Patriarchen John Rigas hat die Exekutive Stärke gezeigt, und dass die Angeklagten nur gegen eine Kommission von jeweils 10 Mio. $ vorläufig auf freien Fuß gesetzt wurden, zeigt ebenfalls den neuen harten Stil der Regierung Bush. Wenn der nur anhält...

Dass der Himmel über der Wall Street indes noch lange nicht strahlendblau ist, daran erinnerte am Mittwoch nach Börsenschluss der Mediengigant AOL Time Warner. Gerüchte aller Art hatten die Aktie im Handelsverlauf belastet, am Abend kletterte sie schnell und steil, nachdem das Unternehmen die Gewinnprognosen der Wall Street geschlagen und eine optimistische Umsatzprognose für das Gesamtjahr gegeben hatte. Doch musste AOL wenig später einräumen, dass die Börsenaufsicht SEC tatsächlich weitere Ermittlungen eingeleitet habe und sich mit den Büchern beschäftigt. Die Aktie gab weiter ab.

Mit späten Gewinnen handelte hingegen Amgen. Der Biotech-Riese hat die Gewinne im zweiten Quartal um satte 28 % gesteigert und mit einem Gewinn von 412 Mio. $ oder 38 Cent pro Papier die Prognosen übertroffen. Ebenfalls stark meldeten die Branchenkollegen Gilead Sciences, Chiron und Invitrogen, die nachbörslich kletterten und die zur Zeit schwache Biotech-Branche im Donnerstagshandel stärken dürften.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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