Wall Street
Nachbörslich: Klappe zu, Wendepunkt erreicht

Wer allein die schlingernde Kursbewegung am Montag beobachtet, der weiss schon eine Menge über die Stimmung an der Wall Street in diesen Tagen. In der letzten Handelsstunde kam noch einmal ein wenig feiertäglicher Spirit in den Handel. Die Bewegung bei den Chipwerten dürfte auch im nachbörslichen Handel anhalten. Die Investoren sind sich allerdings nicht ganz einig, wie sie die Umsatzprognosen des Industrieverbands SIA von 20% Wachstum für das kommende Jahr bewerten sollen.

Passend zu dem durch Skandale geprägten Börsenjahres veröffentlichte Tyco nach Handelsschluss am Montag die Ergebnisse der internen Buchprüfung. Zwar habe das Management zu allerlei buchhalterischen Tricks gegriffen, aber um Betrug habe es sich nicht gehandelt. Die "aggressive Buchhaltung" habe dazu geführt, dass der Mischkonzern sein Ergebnis für das im September abgelaufene Fiskaljahr um über 380 Mio. $ korrigieren muß. Der Konzern verzeichnete einen Netto-Verlust von 9,1 Mrd. $ bei einem Umsatz von 35,7 Mrd. $. Schon vor kurzem hat Tyco bekanntgegeben, 2,8 Mrd. $ für dieses Geschäftsjahr abzuschreiben. Die SEC, die US-Börsenaufsicht, untersucht das Unternehmen und gleich gegen mehrere Top-Manager wird wegen Betruges und Korruption ermittelt.

Endlich - am Dienstag werden die Bücher für 2002 endgültig zugeklappt. Damit schließt sich zur Erleichterung vieler Investoren ein weiteres "annus horribilis" für die Börse. Alle drei wichtigen Indizes beenden das Jahr mit einem Minus. Der Dow Jones beendet das Jahr mit einem Minus von 17%, der S&P 500 verlor saftige 24% - und legte damit das schlechteste Jahr seit 1974 hin Die Nasdaq ist sogar mit 31% im roten Terrain, in den vergangenen drei Jahren verlor die einstige Wachstumsbörse rund 67%. Aber damit ist vielleicht der Wendepunkt erreicht. Sagen zumindest die Statistiker, die dieser Tage die Rolle der Propheten übernehmen müssen. Seit 1896 gab es in der Börsengeschichte nur einmal eine Verlierersträhne von vier Jahren am Stück. Weniger beruhigend ist es zu wissen, dass es sich dabei um den Zeitraum vom Crash-Jahr 1929 bis zum Höhepunkt der Grossen Depression 1932 handelt.

Pensionfonds als Zeitbomben

Über das Jahr hinaus ticken Zeitbomben, von denen Investoren zumeist nur ahnen, dass es sie gibt: Pensionsfonds. Die Ruhegeldzusagen für ehemalige Mitarbeiter können die Gewinne des kommenden Jahres belasten. Die Pensionsfonds vieler Unternehmen haben im ablaufenden Jahr ein sattes Minus zu verkraften. Folge: Um die Zusagen zu erfüllen, müssen die Unternehmen Cash nachschiessen. Dabei handelt es sich oft um stattliche Summen. Autobauer Ford - der bereits jetzt mit konjunkturellen Bremsspuren zu kämpfen hat - wird rund 500 Mio. $ nachlegen müssen. SBC, der zweitgrößte Nahgesprächsanbieter der USA, erklärte im November, der Telekommkonzern werde im kommenden Jahr 1 bis 2 Mrd. $ in die Pensions- und Krankenversicherungsprogramme investieren müssen.

Damit würden die Gewinne pro Aktie um 20 Cent auf 40 Cent pro Aktie sinken. Auch die Aktionäre von Verizon, der Nummer 1 auf diesem Markt, müssen sich auf deftige Gewinneinbußen einrichten: um 27 bis 33 Cent pro Anteil werde der Ertrag 2003 durch die Pensionsfondszahlungen fallen, so das Unternehmen. Von solchen Rechenexempeln unbeeindruckt zeigt sich Bill Miller. Für den Fondsmanager ist klar: 2003 wird ein Bullenjahr. Am 9. Oktober, da ist er sich sicher, war der Boden erreicht. Das schlechte Abschneiden der Aktien führt der Optimist vor allem auf die Skandale der vergangenen Monate zurück - und da sei nichts mehr zu befürchten. Miller kann auf eine gute Performance zurückblicken. 11 Jahre in Folge hat er den S&P 500 geschlagen, allerdings hat er die vergangenen drei Geld verloren.

Ein anderer Bill setzt auf Bonds - und ist sich sicher, auch im kommenden Jahr damit besser zu liegen als mit Aktien. Bill Gross, der Bondsguru, vertritt genau die Gegenthese zu Miller. Gross wagte es kürzlich sogar zu behaupten, der Dow könne auf 5000 Punkte fallen. Den breiten S&P 500 sieht er bei 650 Punkten angemessen bewertet. Selbst bei den Bonds sieht der Manager des weltgrößten Bondsfonds im kommenden Jahr nicht die Bäume in den Himmel wachsen. Bestenfalls 4 bis 5 % seien in den kommenden Jahre zu erwarten.

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