Wall Street nachbörslich
Konjunkturpolitik zwischen Waco und Washington

Die Konjunktur strauchelt, der Aktienmarkt fällt - da schnallen die Amerikaner den Gürtel enger. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Beweisen lässt sich das nicht nur mit einem Blick auf die Verbraucherausgaben, sondern auch mit einem Blick in die Bücher der Weight Watchers.

wsc NEW YORK. Beim weltgrößten Abnehm-Club laufen die Geschäfte gut, das Unternehmen, das erst seit einem Jahr an der Börse notiert ist, hat die Erwartungen der Analysten im abgelaufenen Quartal geschlagen, wie man am Montagabend meldete.

In einem Land mit unverhältnismäßig vielen Übergewichtigen bleibt nun zu hoffen, dass der Hang zu einem gesünderen Lebensstil auch anhält, wenn es der Konjunktur wieder besser geht - und darüber soll man am Dienstag genaueres erfahren. Am Vormittag tritt in Washington der Offenmarktausschuss der US-Notenbank zusammen, und an der Wall Street erwartet man den Ausgang dieser Sitzung mit ungleich größerer Spannung als das in den vergangenen Monaten der Fall war.

Das hat einen guten Grund. Nach elf Zinssenkungen, die den Leitsatz auf ein 40-Jahres-Tief von 1,75 % drückten, hatte man zuletzt darüber spekuliert, ob die Zinsen wieder anzuheben seien - allein, dafür fehlte der ökonomische Anlass, und so wurde jede Fed-Sitzung zum Non-Event. Am Dienstag ist das anders: Erstmals spekuliert man an der Wall Street wieder über weitere Zinssenkungen, auf die noch Ende vergangener Woche die Mehrheit der Analysten getippt hatte.

Das hat sich wieder geändert. Am späten Montagabend rechnen die meisten Beobachter damit, dass Greenspan und Kollegen das Zinsniveau unangetastet lassen aber ihre Haltung zur Stabilität der US-Wirtschaft ändern werden. Diese dürfte von "Neutral" wieder auf "Negativ" rutschen. Damit dürften Anleger zunächst zufrieden sein, die Folgen einer weiteren Zinssenkung indes wären schwer abzusehen. Zwar hatte ein solcher Schritt für gewöhnlich stimulierende Auswirkungen auf den Aktienmarkt gezeigt, doch spricht vieles dafür, dass man eine Senkung am Dienstag als ein sehr pessimistisches Bekenntnis, ein Symbol der Hoffnungslosigkeit deuten würde. Panik-Verkäufe wären zu erwarten und, in der Folge, ein Sturz der großen Indizes unter ihre jüngsten Tiefstände.

Alan Greenspan und die Kollegen von der Fed sind nicht die einzigen, die sich am Dienstag konzentriert Gedanken zur Konjunktur machen. In Waco (Texas) trifft sich US-Präsident George W. Bush mit führenden amerikanischen CEOs zu einem Ökonomie-Forum. Nach Informationen seitens der Republikaner sind "Wirtschaftsfunktionäre, Geschäftleute, Investoren und Arbeiter" eingeladen - allerdings keine Demokraten. Deren Haltung sei nicht erwünscht, hieß es, man diskutiere die republikanische Wirtschaftspolitik.

Unklar ist, welche Auswirkungen eine für Mittag angesetzte Rede von Bush auf die Märkte haben wird. Bei den vergangenen drei konjunkturpolitischen Ansprachen des Präsidenten sackte der Dow jeweils dreistellig ab. Und auch Waco ist nicht eben als ein Ort der Euphorie bekannt: Neun Jahre ist es her, dass die Stadt traurigen Weltruhm erlangte, als 88 Mitglieder der Davidianer-Sekte Massensuizid begingen. Daran möchte Bush am Dienstag nicht erinnert wissen - die Republikaner sehen in Waco vor allem die Geburtsstätte von Dr. Pepper, der kirschsüßen Brause.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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