WALL STREET: NACHBÖRSLICH NOTIERT
Die Kluft zwischen Ökonomen und Managern

Da sage noch einer, es sei kein Optimismus im Markt. Am Freitagmorgen werden die revidierten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal vorgelegt, und statt der bereits beeindruckenden 5,8 % rechnet der Markt mit 6 bis 6,3 %. Wohin der Handel zum Wochenschluss geht, dürfte zum Teil von den neuen Daten abhängen - aber eben nur zum Teil.

Denn es hat sich eine Kluft aufgetan zwischen Ökonomen und Managern. Erstere machen einen konjunkturellen Aufschwung an den positiven Wirtschaftsdaten fest, die seit Monaten gemeldet werden, seien diese zur Industrieproduktion, zu Autoverkäufen, zum Verbrauchervertrauen oder, wie am Donnerstag, zu den Bestellungen langlebiger Güter. Die anderen, die Chefs von Corporate America, machen den Aufschwung an den Unternehmensgewinnen fest und warten vergeblich darauf, dass diese sich auf historisch normalem Niveau einpendeln.

Zuletzt hatten sich Anleger auf die Seite der CEOs geschlagen - mit ungewohnten Folgen. Die Börse hinkt der Konjunktur hinterher. Ethan Harris, Ökonom bei Lehman Brothers, kennt historisch keine Situation, in der die Anleger eine konjunkturelle Verbesserung nicht mitgemacht hätten. Dass es zur Zeit genauso läuft, hat indes einen Grund, der nicht allzu lange zurück liegt. Zum Ende der Rezession hatten Analysten so viel Optimismus in den Markt gedrückt, dass die Kurse der tatsächlichen Entwicklung davon galoppiert waren. Eine durchwachsene Ertragssaison hatte Anleger auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Jüngste Skandale bei Merrill Lynch, Salomon Smith Barney und anderen Brokerhäusern haben nun dem Ruf der Analysten geschadet, und so hören Investoren auf die Unternehmen. Und die geben sich zurecht bedeckt, denn sie sehen die vielfach angekündigten Neubestellungen und den Anstieg in den Kapitalinvestitionen der Großkunden nicht. Erst am Donnerstagabend meldete der Hardwareriese Sun Microsystems, dass das Volumen im kommenden vierten Quartal nicht das Niveau des laufenden Viertels erreichen würde. Die Bestellungen wären "not so smooth" - "nicht so glatt", heißt es, und das reicht Aktionären wieder, um noch einmal auf Abstand zu gehen.

Eine Bestätigung kommt von John Malone, dem Chef des Medienriesen Liberty, der sich im Telekomsektor umgehört hat. Er sagt, was am Vortag schon das Management von Ciena eingestanden hat: Er könne eine Bodenbildung nicht absehen.

So ist es schwer abzusehen, ob sich die US-Indizes zum Wochenende noch einmal an eine Rallye wagen - zwei späte Kletterpartien am Mittwoch und Donnerstag hatten sich im nachhinein als Non-Events erwiesen. Doch ob Rallye oder nicht, eines ist sicher: Der Handel am Freitag wird bei niedrigem Volumen stattfinden. Am Montag ist Memorial Day und viele Trader haben sich bereits in ein langes Wochenende verabschiedet.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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