Wall Street: Nachbörslich notiert
Erste Zweifel nach AOL und Beige Book

Die US-Börsen haben es zur Wochenmitte wieder einmal geschafft, sich von einem Intraday-Tief zu lösen und nach einer spektakulären Nachmittagsrallye im grünen Bereich zu schließen.

wsc NEW YORK. Auf dem Parkett wird weiterhin nur eine Frage diskutiert: Sehen wir eine Stabilisierung der Märkte nach den atemberaubenden Kurssprüngen der vergangenen zwei Wochen?

Vieles spricht dafür. Dass einigen Kursgewinnen starke Ergebnisse zu Grunde liegen, beispielsweise, oder dass die Rallye breit durch die Branchen ging, dass die Konsumwerte zulegten und dass laut einer aktuellen Studie die Zahl der Aktionäre wieder wächst. Auch dass die US-Börsen am Dienstag einige Punkte abgaben und am Mittwoch lange im Minus handelten lässt positive Schlüsse zu: Die Rallye ist nicht euphorisch, nicht auf Trotz aufgebaut wie der Aktien-Run nach dem 11. September. Diese Rallye scheint trotz ihrer Größe eine ruhige zu sein.

Doch langsam spielen wieder einige Faktoren in den Markt, die Anleger beunruhigen könnten, noch bevor sie sich an die Höhenluft gewöhnt haben. Es war sicher etwas überraschend, dass Fed-Chairman Alan Greenspan den Markt am Mittwoch mit der Aussage in die Höhe trieb, die Produktivität sei trotz der zuletzt schwachen Zahlen "on track" und deute auf wirtschaftliches Wachstum. Investoren werden darüber noch einmal nachdenken und auch die Erkenntnisse aus dem Beige Book der Notenbank hinzuziehen.

Und dann ist da diese eine Meldung, die am späten Mittwochabend überhaupt nicht gehört wird: AOL Time Warner wird die Bilanzen von September 2000 bis Juni 2002 noch einmal durchgehen und neu erklären müssen. Dass die Aktie nach der Ankündigung nicht einbricht, hat zwei Gründe: Zum einen fielen die Ergebnisse des Unternehmens im dritten Quartal im Rahmen der Erwartungen aus und lenken damit ein wenig von der Problematik ab, zum anderen wusste man auf dem Parkett schon seit geraumer Zeit, dass es bei dem Medien- und Entertainmentkonzern Aufklärungsbedarf geben würde.

Letzteres allerdings macht eventuellen Bilanzschmuh nicht ungeschehen und auch nicht besser. Wenn AOL die Bücher gefälscht hat, dann dürfte die Aktie doch einbrechen, wie das auch bei zig anderen Aktien vor einem halben Jahr geschehen ist. Aber um diese Sorgen wollen sich Anleger wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt kümmern, im späten Handel nach der Glocke verbesserte sich AOL um mehr als 4 Prozent.

Dabei waren die Zahlen gar nicht so toll, dass man sich hätte auf das Papier stürzen müssen. Zwar zog der Umsatz der TV- und der Filmsparte um 14 Prozent beziehungsweise 25 Prozent an, doch müssen die Bereiche, die einmal Time Warner waren mit dem schönen neuen Feld für die Verluste der Internetsparte America Online gerade stehen. Die hat zwar im dritten Quartal Abonnenten gewonnen, deren Beiträge konnten aber das gewaltige Umsatz- und Gewinnminus aus dem Anzeigenbereich nicht wett machen. Nach wie vor stehen Sinn und Erfolg des Mergers in Zweifel und damit die Stabilität des Großkonzerns AOL Time Warner.

Wann die Stabilität des Marktes wieder hinterfragt wird bleibt weiter abzuwarten. Sicher ist, dass auch die abflachende Rallye noch über manchen Stolperstein fallen kann. Die größten dürften in der kommenden Woche auftauchen. Da stehen außer weitern Quartalszahlen vor allem wieder einige Daten aus dem konjunkturellen Umfeld auf dem Programm, und die dürften nicht allzu gut ausfallen, wie ein Blick ins Beige Book am Mittwoch verriet.

Bereits am Freitag könnten ein schwaches Verbrauchervertrauen und eventuell niedrige Bestellungen langlebiger Güter die Märkte zum Wochenende unter Druck bringen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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