Wall Street: Nachbörslich notiert
Kommentar: Zwischen Parkett und Propaganda

Auf dem Parkett waren am Donnerstag alle Augen auf die TV-Bildschirme gerichtet, auf den Trading-Screens war unterdessen nicht viel los. Was sich angesichts wilder Gerüchte aber mangelnder zuverlässiger Nachrichten spannend anhörte, führte an der Wall Street zu einem Handel mit niedrigem Volumen und kaum Volatilität.

Zwar schlug der Dow einmal kurz um 130 Punkte aus - nach unten - doch die meiste Zeit notierte das wichtigste amerikanische Aktienbarometer mit einer Veränderung um dreißig Punkte, nicht wissend wohin die Reise gehen könnte. Nun hat der Dow ja einen starken Galopp hinter sich. An sechs Tagen in Folge hat der Index gut 11 % an Wert zugelegt, doch ist das derzeitige Innehalten keine Verschnaufpause wie man sie sonst kennt. Es drückt vielmehr die völlige Ahnungslosigkeit der Marktteilnehmer aus.

Die können sich auf Informationen auch nicht mehr verlassen. Aus dem Kriegsgebiet berichten nur noch eine Handvoll Reporter. Diese sind entweder in das Militär "eingebettet", wofür das Programm "embedded Journalists" der Regierung sorgte, oder sie werden sonst wie zensiert. Wo Informationen nicht zu kriegen sind, behelfen sich die TV-Sender, darunter vor allem der Börsensender CNBC, mit Polemik und Propaganda. Hochrangige Militärs geben technische Einschätzungen, und auf den Satellitenfotos von brennenden Ölquellen fallen allein drei rote Vierecke auf, die zur besseren Markierung einer grauen Soße eingezeichnet sind.

Brennt da überhaupt was? Ist die Hauptangriffswelle gestartet oder ist das vereinzelte Feuer noch Vorgeplänkel? Gibt es schon Opfer? Wie ist die Lage wirklich im Golf, und was zeichnet sich auf lange Sicht ab? Fragen über Fragen - wichtige Fragen, die den Markt lähmen.

So lange keine Antworten kommen ist der Markt schwer zu berechnen. Mancher technischer Analyst beharrt gegen Ende der Woche darauf, dass die Märkte in den nächsten zwei Wochen abstürzen und unter die Tiefstände von vor der Rallye fallen. Ob im geopolitischen Ausnahmezustand technische Analyse ein angemessenes Mittel ist den Markt einzuschätzen, ist indes fraglich.

Der Freitagshandel wird das gleiche Grundproblem haben wie der Handel am Tag des Donners. Absehbar ist allein, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Investoren aus dem Markt gehen, um lange Positionen nach einer 11 %-Rallye nicht in ein unsicheres Wochenende zu schleppen. Verluste sind an diesem Freitag also wohl wahrscheinlicher als Gewinne - sicher ist nichts.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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