Wall Street: Nachbörslich notiert
Nach Rallye ist Euphorie nicht angesagt

So ein Tag, so wunderschön wie heute... den Tradern auf dem Parkett steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Das war der Boden, meint einer, der Turnaround ist geschafft, sagt der andere - doch Moment: Eine 200-Punkte-Rallye hat man in diesem Jahr schon öfter gesehen, und einen Trend hat sie nie begründet.

Das letzte Mal, dass der Dow um mehr als 200 Punkte nach Norden hechelte, liegt gerade einmal eine Woche zurück. Am 7. März startete der Index am Nachmittag von einem Zwischentief durch, wie zuvor schon am 25. Februar, am 17. Februar und am 2. Januar, dem ersten Handelstag des neuen Jahres.

Zumindest an diesen dürfte sich mancher Anleger noch erinnern, schließlich hoffte man ja auf einen glorreichen Neuanfang - und hatte ihn für ein paar Stunden. Um fast 300 Punkte schoss der Dow in die Höhe, wer den Silvestersekt noch nicht ganz ausgetrunken hatte, der ließ gleich noch einmal die Korken knallen. Nach dem Eröffnungstag handelten die US-Börsen dann zwei Wochen lang flach, dann ging?s wieder runter. Bei den anderen 200-Punkte-Rallyes war es ganz genau so, keine hielt für mehr als fünf Tage.

Auch mit dieser Rallye wird das nicht anders sein. Warum auch? Die Fundamentaldaten des Marktes sprechen total gegen einen Aufschwung, am Donnerstag ignorierte man ja sowohl einen erneut schwachen Arbeitsmarkt als auch die erneut gesunkenen Einzelhandelsumsätze. Bei den Unternehmensgewinnen sieht das nicht anders aus, am Donnerstag warnten International Paper, Tyco und Baxter International.

Einige Gründe, die den Markt noch weiter drücken werden, die am Donnerstag aber nicht zur Sprache kamen, sind die niedrigen Investitionen, die Bilanzschmierereien, die immer noch weiter gehen, der hohe Preis für Öl und Energie und... ach ja: die Irakkrise.

Ein Votum des Sicherheitsrats in Sachen Resolutionsentwurf für einen Krieg wird nun doch nicht mehr in dieser Woche stattfinden, man nimmt Tempo aus einer seit Wochen völlig übereilten Debatte. Selbst der stürmische Herr Bush und der längst strauchelnde Herr Blair haben einen Gang zurück geschaltet. Das ist gut so. Nicht zwingend für den Markt, aber zumindest für den Weltfrieden, und der wird mehr oder weniger direkt Auswirkungen auf die Börse haben.

Doch ist die Irakkrise ebenso wenig ausgestanden wie alle anderen Schwierigkeiten, unter denen der Markt zur Zeit leidet. Es ist schön, dass der Dow am Donnerstag noch einmal kräftig zulegte, Kraft gesammelt hatte er ja. Nun müssen Analysten und Anleger allerdings die Sektflöten wieder wegstellen und erkennen, dass der Markt in seinem freien Fall nur einen Zwischensprint genommen hat. Wer bricht schon gerne ganz ihnen Gegenwehr ein? - Der Dow sicher nicht.

Doch schon der Freitagshandel ist schwer einzuschätzen. Dass der letzte Handelstag der Woche in jüngster Vergangenheit eher freundlich verlief, lag am Ausstieg zahlreicher Shortseller, die vor dem Wochenende ihre Positionen löschten. Nun ist davon auszugehen, dass die meisten schon Shorts schon abgebaut sind, und dass der Rest nach einer so steilen und so unfundierten Rallye im Markt bleiben wird. Wenn der Freitag bisher also die risikoscheuen Shorts aus dem Markt lassen hat, dann dürfte sich dieses Phänomen in dieser Woche umdrehen. Nach einer Spontanrallye dürften zahlreiche Long-Positionen abgebaut werden, Anleger wollen Gewinne mitnehmen.

Aktuelle Konjunkturdaten - am Freitag gibt es einen Blick auf das Verbrauchervertrauen, auf die Produzentenpreise und die Industrieproduktion mit der Kapazitätsauslastung - dürften dem Markt insofern wenig Orientierung geben. Der Handel am Freitag wird von technischen Überlegungen bestimmt sein.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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