Wall Street: Nachbörslich notiert
New York unter dem Fluch des Barton Biggs

Eine Rallye am späten Nachmittag ersparte dem Dow Jones das traurige Schicksal, an vier Tagen 800 Punkte zu verlieren. Nach einem erneuten dramatischen Absturz schafften es die Blue Chips doch noch fast ins Plus - die Wochenbilanz fällt hingegen bitter aus.

Und es spricht nicht viel dafür, dass Investoren am Freitag das Steuer noch einmal herumreißen. Dow und Nasdaq dürften wohl mit Verlusten aus der Woche gehen.

Nur ein Index erlebt in diesen Tagen einen Höhenflug - der Index über die Volatilität der US-Börsen, der so genannte VIX. Der nähert sich seinem September-Hoch und zeugt von großer Nervosität im Markt. Tatsächlich ist der Markt so nervös, dass sogar das völlig abwegige Gerücht, Intel könnte am Abend die Gewinnprognosen anheben, eine Rallye auslöste. Mit einer entsprechenden Intel-Meldung war ebenso wenig zu rechnen wie mit der Aufstufung der Aktie durch einen "bekannten Intel-kritischen Analysten", die ebenfalls angekündigt war - und ausblieb.

War es blinde Hoffnung oder Naivität, was die Märkte am späten Nachmittag beflügelt hatte? Vielleicht war es die Angst vor dem Fluch des Barton Biggs. "Wettet nicht gegen Amerika", drohte der Seher und erinnerte an einen Ausspruch des legendären Warren Buffett. Der hatte einmal gesagt: "Wer gegen Amerika wettet, der hat in den vergangenen 250 Jahren verloren." Diese Sicht der Dinge scheint überheblich, während Biggs Wachstumsbranchen schlicht überraschen. High-Tech-Aktien und Telekomwerte bahnten den Weg aus der Krise, so der Augur. Weiter unter den Gewinnern der nächsten Wochen, Monate, Jahre: Finanztitel und die Aktien der Pharma-Unternehmen.

Einige Zahlen aus dem Tech-Bereich gab es am Donnerstagabend, und die meisten vielen in der Tat gut aus. Zunächst freute man sich über die Ankündigung von Dell, man werde die Prognosen im laufenden Quartal vermutlich schlagen. Ganze 6 % legte die Aktie im Handel nach der Glocke zu, was bei einem Blick hinter die Kulissen maßlos übertrieben scheint. Bei Dell erwartet man einen Umsatz von 6,3 Mrd. $ statt bisher 6,22 Mrd.$ - das ist ein Plus von 1 %.

Der Telekom - und Netzwerkausrüster Juniper hat die Erwartungen der Analysten um einen Penny geschlagen und freut sich über einen Break-Even. Konkurrent Sonus verfehlte die Erwartungen mit einem Verlust von 9 Cent pro Aktie. Der Chiphersteller Rambus hat die Prognosen getroffen, der Softwarehersteller Inet? doch die Tech-Zwerge werden den Markt am Freitag nicht beeinflussen.

Viel wichtiger wird sein, was General Electric zu vermelden hat. Das Unternehmen, das in den Neunzigern als Vorzeigemodell für gleichmäßiges Wachstum galt und das alleine in den 20 Jahren unter dem legendären CEO Jack Welch fast 1000 Akquisitionen getätigt hat, ist eben aufgrund dieser Diversifizierung in Ungnade gefallen. Unverschuldet - denn kein Verdacht hegt sich gegen GE und keine Ermittlungen laufen. Doch hat der Hersteller von Glühbirnen und Flugzeugturbinen, der Medizintechniker, Versicherer und Mutterkonzern der TV-Sendergruppe NBC einen Bilanzbericht, der in etwa so unübersichtlich ist wie das ganze Unternehmen. Und nach den Skandalen um zahlreiche andere Industrie-, Chemie- und Energie-Konglomerate sind Anleger sehr vorsichtig gewesen, was ein Investment anbelangt.

"GE steht ständig unter Verdacht, allein weil der Konzern so groß ist", sagt Jeff Graff, Analyst bei Victory Capital Management, der in seinem Fond selbst 28 Millionen Aktien hält. "Man ist kompliziert verflochtenen Konzernen gegenüber einfach sehr skeptisch geworden." Bei General Electric weiß man das natürlich, und man plant, den Quartalsbilanz transparenter aufzuschlüsseln denn je. Im Vorfeld wissen Experten dies zu schätzen. Ob es sich im Freitagshandel auszahlt ist eine andere Frage.

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