Wall Street: Nachbörslich notiert
Was der Graphologe sagt

Eineinhalb Stunden nach Börsenschluss war die Frist abgelaufen, die Vorstandsvorsitzenden und Finanzchefs von 702 der größten amerikanischen Unternehmen mussten ihre Unterschrift zu den Bilanzen der vergangenen sechs Quartale leisten.

Über 90 % der Zertifikate gingen rechtzeitig bei der Börsenaufsicht SEC ein - eine gute Quote, zumal einige Unternehmen bereits im Vorfeld erklärt hatten, sie könnten die Frist nicht einhalten oder ihre Bilanzen im aktuellen Zustand noch nicht unterschreiben.

Eine Welle neuen Vertrauens wird allerdings nicht über die Wall Street schwappen, und auch mit der beeindruckenden Rallye am Mittwochnachmittag hatte die Unterschriftenaktion in Corporate America nichts zu tun. Im Gegenteil: Für die SEC steht der größte Teil der Arbeit noch an. Die Unternehmen, deren Unterschrift noch fehlt, werden eingehend unter die Lupe genommen - wenngleich man sich darum nicht alleine kümmern muss. Verbraucheranwälte stehen in den Startlöchern und auch der Markt wird in den nächsten Tagen nicht zimperlich umgehen mit denen, die offensichtlich zu ihren Zahlen nicht stehen.

Um die übrigen Unternehmen, deren Vorstände unterschrieben haben, kümmert sich ebenfalls eine Vielzahl von Leuten. Bei der SEC sind das diejenigen, die die Zertifikate ordnen, scannen, auswerten und ablegen müssen. Und anderswo - zum Beispiel beim US-Börsensender CNBC - ist das der Graphologe. Der sah sich einmal die Unterschriften von Amerikas Wirtschaftsspitze an, und kam zu Ergebnissen, die für den Anleger zumindest teilweise beruhigend und ermunternd sein dürften:

Aktionären von General Electric dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, denn Graphologe Curt Baggett bescheinigte CEO Jeff Immelt neben "außergewöhnlicher Intelligenz am Rande der Genialität" vor allem auch die Tatsache, er sei ein "Kontroll-Freak, der am liebsten alles selbst in die Hand nimmt." Angesichts zahlreicher Warnungen, dass in einigen der weltgrößten Unternehmen der CEO kaum die Möglichkeit hätte, die eigene Bilanz zu durchschauen, ist das ein Vorteil.

Zwischen "egomanisch" und "brillant" stuft Handschriftenexperte Baggett auch Amazon-Chef Steve Jobs ein - damit käme auch er als einer der omnipräsenten CEOs in Frage, die selbst in den Zahlen wüten. Doch hat die Sache einen Haken: Bezos neige zur Rechthaberei, meint der Fachmann unbekannterweise. Hoffentlich hat er seinem Finanzchef nicht allzu oft ins Handwerk gepfuscht.

Stutzig dürften die Anleger von Apple werden. Dem Vorstandschef Steve Jobs bescheinigt der Graphologe "Wut, Verbitterung, Leidenschaft und tiefes Gefühlsempfinden". Von nackten Zahlen sollte er da vielleicht die Finger lassen, und sich lieber dem Design der nächsten Desktop-Generation widmen.

Die SEC wird sicher andere Wertmaßstäbe anlegen, wenn sie die Unterschriften von Hunderten amerikanischer Wirtschaftsbosse durchsieht. Auf ihr Urteil wird man ein paar Tage warten müssen.

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