Wall Street nachbörslich
Ob Amazon oder S&P 500: Der Markt ist irrational

Hurra, es geht wieder aufwärts. Um mehr als hundert Punkte legte der Dow am Dienstag zu - bis es sich die Anleger doch noch einmal anders überlegten. Die Zahlen hinter dem Index sprechen eine deutliche Sprache

wsc NEW YORK. Runter ging?s und zwar ebenfalls um mehr als hundert Punkte, dann wieder ein bisschen hoch, dann wieder runter, dann wieder,... nun, am Ende schlossen die Blue Chips den vierten Tag in Folge im Minus, sie haben es bisher in diesem Monat nur drei Mal auf grünes Terrain geschafft.

Die Zahlen hinter dem Index sprechen eine deutliche Sprache: Fast 1000 Punkte runter in fünf Tagen, 18 % runter in vier Wochen, dabei 1,4 Billionen Dollar verbrannt - seit Jahresbeginn haben Investoren an den US-Börsen schon 2,4 Billionen Dollar verloren.

Wie die Geschichte weiter geht ist seit Wochen unklar. Ein Boden wird sich bilden - aber wahrscheinlich nicht so schnell wie Analysten lange geglaubt hatten. Indizien dafür gibt es immer wieder, wenn der Markt irrational auf Unternehmensmeldungen oder Kommentare reagiert und damit die ganze Unsicherheit und Hilflosigkeit offenbart, mit der selbst gestandene Experten im Geschehen gefangen sind.

Wie verrückt der Markt spielt, zeigt ein Blick auf die so lange ersehnte Ertragssaison. Die dürfte ganz gut ausfallen, hieß es im Vorfeld, sie könnte Mut machen und dann sogar die Trendwende für die US-Börsen bringen. Nun, die Ertragssaison ist bisher ganz gut ausgefallen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen aus dem S&P 500 haben mittlerweile Zahlen vorgelegt - davon haben 62 % die Prognosen geschlagen, 26 % haben getroffen. Nur etwas mehr als ein Zehntel der Unternehmen haben enttäuscht, während die Kurse... siehe oben.

Irrationale Bewegungen gab es auch am späten Dienstagabend. Der Online-Buchhändler Amazon.com brach nachbörslich um mehr als 10 % ein - direkt nachdem das Unternehmen unerwartet starke Zahlen gemeldet hatte. Bei einem Umsatzwachstum um 18 %, davon 6 % im Kernbereich Bücher/CDs/Videos, steht Amazon ein Verlust von lediglich 1 Cent pro Aktie zu Buche. Analysten hatten mit einem Minus von 6 Cent gerechnet. Laut Amazon-Chef Jeff Bezos haben Preissenkungen und der portofreie Versand voll eingeschlagen und das Ergebnis in den zurückliegenden drei Monaten gestützt. Nun laufen die Geschäfte so gut, dass man die Prognosen für das laufende Vierteljahr anhebt und bis Jahresende mit schwarzen Zahlen rechnet.

Ebenso unverständlich ist der dramatische Fall der Microsoft-Aktie. Vor einem Analysten-Meeting am Donnerstag fällt und fällt das Papier, 20 % hat der Software-Riese in 5 Handelstagen verloren. Nun hat ein wenig Skepsis vor einer wichtigen Konferenz noch nie geschadet, zumal nichts darauf hindeutet, dass Microsoft die Prognosen erhöhen oder sonstige Feste feiern wird. Doch verkaufen Anleger die Aktie als gäbe es kein Morgen mehr.

Ab Mittwoch stehen nun die Quartalskonferenzen einiger Unternehmen an, die in den jüngsten Tagen auch im bittersten Umfeld zulegen konnten, darunter DuPont, Eastman Kodak, Exxon Mobil und McDonald?s. Vielleicht können sie dem Markt ein wenig Kraft geben - allein, es sieht im Vorfeld nicht so aus.

Die US-Börsen warten auf Führung, auf einen Fingerzeig - aber niemand weiß von wem. Eines ist sicher: Von Bush soll er nicht kommen. Der hat in den vergangenen zwei Wochen drei Mal über die Wirtschaft im eigenen Land gesprochen, und in allen drei Fällen war der Markt derweil ins Bodenlose gefallen. Bushs Ansehen in der Bevölkerung hat prompt gelitten: Die aktuellen Umfragewerte zeigen den Präsidenten deutlich unter dem Niveau der Vormonate, als der Präsident sich selbst und dem Volk als Kriegsherr gefiel.

Bushs Kampf gegen das Böse ist nun erst einmal aus den Schlagzeilen verschwunden, seine Verbindungen zum Bösen hingegen sind in aller Munde.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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