Wall Street schließt im Plus
US-Börsen überrascht von Fed-Zinssenkung

Überrascht, aber nicht euphorisch reagierten Marktteilnehmer auf den Beschluss der US-Notenbank, ihren Leitzins gleich um 50 Basispunkte zu senken. Bei einigen Experten wachsen offenbar die Zweifel über den Zustand der US-Wirtschaft. Manche erwarten, dass die Europäische Zentralbank heute ebenfalls die Zinsen senkt.

kk/mak/tor NEW YORK. Die überraschend starke Zinssenkung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ist von den Finanzmärkten mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden. Nach ersten Zugewinnen sackte die Börse in New York wieder ab, nur um später wieder zuzulegen. Auch die US-Staatspapiere verzeichneten leichte Zugewinne. Der Dollar verlor dagegen an Boden. Der Euro gewann. Die Fed hatte den US-Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 1,25% gesenkt. Die Märkte waren nur von einer leichteren Lockerung um 25 Basispunkte ausgegangen.

Experten erklären die durchwachsene Reaktion der Aktienmärkte einerseits mit Gewinnmitnahmen. Zum anderen hat die überraschend starke Zinssenkung bei den Investoren offenbar Zweifel am tatsächlichen Zustand der US-Wirtschaft geweckt. "Ich halte diese Zweifel nicht für gerechtfertigt", sagte Wirtschaftsprofessor Allan Meltzer. Die Fed habe die Unsicherheit aus den Märkten genommen. Jeder wisse nun, woran er sei. Nach Ansicht von Meltzer ist die Zinssenkung auch von den Fundamentaldaten der Wirtschaft her gedeckt. Die Kreditbedingungen für die Unternehmen hätten sich verschlechtert, sagte Meltzer. "Deshalb war der Zinsschritt notwendig".

Die Theorie, dass die Fed mehr weiß als die anderen Marktteilnehmer, nennt Steven Wieting "Müll". "Sie haben einfach die Wirtschaftsdaten der vergangenen Monate gesehen", sagt der Ökonom der Investmentbank Salomon Smith Barney. Und die seien nun einmal negativ gewesen. Was die Entscheidung für den Markt bedeute, sei schwierig zu abzuschätzen. Es sei immer klar gewesen, dass für eine Erholung die Zinssenkung alleine nicht ausreiche. Wieting geht jedoch davon aus, dass der Markt den Tiefpunkt vor einem Monat erreicht habe. "Die Fed hat es geschafft, den großen Abschwung 2001 abzufedern", sagt Wieting. Aber die Investoren seien nie zufrieden. "Ein milder Abschwung bringt auch einen milden Aufschwung mit sich. Das hat die Fed schon immer gesagt".

Der ehemalige Fed-Gouverneur Lyle Gramley erwartet vor allem einen psychologischen Schub durch die Zinssenkung. "Die Notenbank hat gezeigt, dass sie die Konjunkturrisiken ernst nimmt", sagte er. Gramley rechnet damit, dass sich der wirtschaftliche Aufschwung in den USA erst Ende nächsten Jahres wieder deutlich festigen wird.

Überrascht hat viele Ökonomen die Aussage der Fed, das Wachstums- und Inflationsrisiken nun ausgewogen seien. Das wird als Hinweis verstanden, das mit weiteren Lockerungen in der Geldpolitik vorerst nicht zu rechnen ist. "Wenn die Wirtschaft im nächsten Jahr immer noch lahmt, sind auch weitere Zinssenkungen möglich", sagt jedoch Cary Leahey voraus. Er ist Ökonom bei der Deutschen Bank in New York.

Der Dollar sank nach der Zinsentscheidung in den USA unter die Parität zum Euro. "Der Zinsnachteil des Dollar im Vergleich zum Euro wird größer", sagte Robert Lynch, Währungsspezialist bei BNP Paribas. Der Leitzins in der Eurozone liegt bei 3,25%. Die Europäische Zentralbank (EZB) berät heute über die Zinspolitik.

"Ich bin überrascht über die Höhe des Zinsschrittes", erklärte Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung im Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Andererseits hätten 25 Basispunkte kein deutliches Signal bedeutet - weder für die Konjunktur noch für die Finanzmärkte." Offenbar sehe die Fed erheblich höhere Risiken für die Konjunktur, als die bekannten Daten vermuten ließen.Das Ausmaß des Zinsschrittes und die Begründung durch die US-Notenbank sprechen nach Ansicht von Scheide dafür, dass eine konzertierte Zinssenkung durch die wichtigen Notenbanken ansteht, d.h. dass sowohl die EZB als auch die Bank of England wahrscheinlich heute folgen werden. "Allerdings hätte dann die EZB die Öffentlichkeit und die Märkte auf die Zinssenkung nicht gut vorbereitet".

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