Wall Street setzt auf Unternehmen, die vom Firmenkundengeschäft im Internet profitieren
Enttäuschung im Land der Technologiewerte

Trotz deutlicher Kurseinbußen bei US-Technologieaktien glauben Investoren weiter an eine gewinnträchtige Zukunft. Allerdings verspricht nicht jeder Bereich der Branche gleichermaßen gute Profite. Während Halbleiter an Attraktivität verlieren, bieten Anbieter für die Boombranche E-Business weiteres Kurspotenzial.

HB NEW YORK. Wie gewonnen, so zerronnen. Mehr Worte brauchen Aktionäre des führenden Chip-Herstellers Intel Corp. nicht, um ihre Lage zu beschreiben. Ende August noch war der Intel-Kurs auf ein Rekordhoch von 75 $ geklettert. Kaum einen Monat später hat die Intel-Aktie mehr als zwei Fünftel ihres Wertes eingebüßt. Der Grund: eine Gewinnwarnung wegen schwächerer Wachstumsaussichten im Markt für Personal Computer (PC), den Intel mit Mikroprozessoren bestückt. Intel blieb nicht die einzige Technologiefirma, die Gewinnwarnungen herausgab. Und die Investoren an der Wall Street, ohnehin nervös wegen des schwachen Euros und steigender Zinsen, strafen Unternehmen, die die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen können, derzeit gnadenlos ab. Kein Wunder also, dass der technologielastige Index der elektronischen Börse Nasdaq allein in der vergangenen Woche um fast 9 % gefallen ist.

Nach Ansicht der meisten Analysten an der Wall Street ist der Ausverkauf im Technologiebereich aber übertrieben. "Zugegebenermaßen hat es in jüngster Zeit einige ernsthafte Enttäuschungen im Land der Technologie gegeben", meinen die Aktienstrategen der Investmentbank Deutsche Banc Alex.Brown. Trotzdem bezeichnen sie die Aussicht für weitere Investitionen von Unternehmen in den Technologiebereich als "sehr stark" - besonders beim Firmenkundengeschäft im Internet. Ganz ähnlich sehen das die Strategen von Goldman Sachs.

Fondsmanager schmeißen Microsoft aus Portfolio

"Der prozentuale Anteil von Technologie am Bruttoinlandsprodukt wird in den USA und anderen Ländern steigen", ist Abby Joseph Cohen überzeugt, die Chef-Strategin von Goldman. Goldman Sachs rechnet besonders im Bereich der Daten- und Speichernetze sowie bei Software für das Geschäft im Internet (E-Business) mit Kursgewinnen. Die Goldman-Analysten glauben zudem, dass die Stimmung der Investoren schon im November und Dezember besser sein wird.

Die durch das Internet getriebene technologische Revolution steht nämlich erst am Anfang. "Wir bewegen uns seit einiger Zeit aus der Welt des PC in die Welt des Internet hinein", sagt David Fowler, Fondsmanager des U.S.Growth Fund bei der Fondsgesellschaft Vanguard gegenüber der Los Angeles Times. Deshalb hat Fowler den Intel-Anteil an seinem Portfolio reduziert und sich völlig von Aktien des Softwarekonzerns Microsoft getrennt. Fowler setzt lieber auf Internet-Infrastrukturanbieter wie Cisco Systems und Juniper Networks oder auf Datenspeicherfirmen wie EMC.

Analyst Christopher Shilakes von der Investmentbank Merrill Lynch prognostiziert den auf Software für E-Business spezialisierten Unternehmen anhaltend dynamisches Wachstum - trotz negativer saisonaler und währungsbedingter Effekte. Der Umsatz des Sektors werde im Vergleich zum vergangenen Jahr um 119 % steigen, meint der Analyst. Zu den Favoriten zählt Shilakes die E-Business-Softwarekonzerne Ariba und i2Technologies. Deutsche Banc Alex.Brown empfiehlt neben Ariba auch den Softwareanbieter Oracle und EMC.

Für den Halbleiterbereich sehen die Prognosen nicht ganz so positiv aus, findet Analyst Joseph Osha von Merrill Lynch. Nachfrageprobleme sowohl bei PC-Anbietern als auch bei Handyherstellern dürften positive Gewinnüberraschungen für die anstehenden Quartalsberichte begrenzen. Das dürfte auch zu vorsichtigen Prognosen für das vierte Quartal führen. Osha rät Anlegern zum Abwarten, damit sie den möglichen saisonalen Aufschwung - etwa vor Weihnachten - nicht verpassen. Zum Kauf empfiehlt Osha den Halbleiterhersteller Texas Instruments mit einem Kursziel von 105 $. Er glaubt, die Aktie sei unterbewertet. Die Prognosen für Intel hat Osha nach der Gewinnwarnung des Halbleiterriesen allerdings reduziert. Eine saisonale Erholung des PC-Geschäfts dürfte zwar zu kurzfristigen Kurssteigerungen führen. Andererseits würden die niedrigeren Margen und die unklaren Wachstumsperspektiven bei PC-Mikroprozessoren die Aktie noch in der ersten Hälfte 2001 belasten. Oshas Kursziel für Intel: 70 $.

Vielen Internetfirmen droht die Pleite

Besonders hart von Kursverlusten getroffen wurde der Internetsektor. Trotzdem rechnet der einflussreiche Analyst Henry Blodget von Merrill Lynch unverändert mit langfristigem Kurspotenzial für die Marktführer in der Branche. "Aber wir betonen langfristig", schreibt Blodget in einem Vorbericht für die Quartalsergebnisse. Er glaubt, dass die Konsolidierung im Internetsektor angesichts des steigenden Wettbewerbs anhalten wird. Für Investoren, die Unternehmen mit großem Wachstumspotenzial suchen, empfiehlt auch er die Bereiche Infrastruktur und Firmenkundengeschäft, die weiter "phänomenalen Wachstumsraten" aufzuweisen hätten.

Schwieriger ist die Auswahl bei Internetunternehmen, die sich an Privatverbraucher wenden. Erfolgreiche Unternehmen müssten auf jeden Fall folgende Kriterien erfüllen: Ihr Marktanteil muss wachsen; sie müssen international stark und profitabel sein - oder zumindest realistische Aussichten auf Gewinne haben. Denn drei Viertel der derzeit rund 400 börsennotierten Internetfirmen werden nach Ansicht von Blodget niemals schwarze Zahlen schreiben.

Trotz eines geschwächten Umfeldes für Online-Werbung im dritten Quartal rechnet Blodget damit, dass Marktführer wie die Internetfirmen AOL, Yahoo und Doubleclick die Erwartungen im dritten Quartal erfüllen oder leicht übertreffen werden. AOL wird nach der Kursstagnation im Sommer auch von den Analysten der Investmentbank Robertson Stephens zum Kauf empfohlen. Die Aktien litten unter den Unwägbarkeiten des Kartellprozesses wegen der geplanten Fusion mit dem Medienkonzern Time Warner. Investoren hätten die potenzielle Dynamik des Mediengiganten aus den Augen verloren. Fazit der Analysten: Wenn die Börse anzieht, gehört AOL zu den ersten Kursgewinnern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%