Wall Street will am Freitag wieder den Aktienhandel aufnehmen
Märkte spekulieren auf US-Zinssenkung

Die Finanzmärkte suchten in ihrer Trauer weiter nach Orientierung. Die Terroranschläge auf die USA verstärkten die zuvor bereits große Zurückhaltung. An Europas Aktienbörsen setzte sich die Kurserholung fort. Die US-Aktienbörsen blieben geschlossen. Die Zinsen für amerikanische Anleihen sind kräftig gesunken.

hus/ret/sm NEW YORK. Wall Street erlebt derzeit die längste Aussetzung des Wertpapierhandels seit mehr als 80 Jahren. Auch am Donnerstag fand am Kassa- und Terminmarkt der US-Börsen kein Handel in Aktien und Aktienprodukten statt. Dagegen nahmen die US-Anleihenhändler ihr Geschäft wieder auf. Jetzt wartet die Finanzwelt mit Spannung darauf, wie die Wall-Street-Akteure das Trauma der Terroranschläge verarbeitet haben. Da die Märkte in der Zeit vor der Katastrophe in den USA bereits Rezessionsrisiken eingepreist hatten, bestehe die Möglichkeit, dass Aktien nach kurzer Irritations-Phase rasch Boden finden werden, hieß es.

Eine Indikation für die zu erwartende Reaktion der US-Börsianer könnte der Trend in Europa sein. Hier setzte sich die Erholung bei Aktien fort. Der Euro-Stoxx 50-Aktienindex lag gegen 17.30 Uhr um 0,33 % höher. Der Dax wies zur gleichen Zeit ein leichtes Plus von 0,07 % auf. Wie groß die Nervosität der Anleger weiterhin war, wurde nach später dementierten Berichten über angebliche Attacken amerikanischer und britischer Flugzeuge gegen Ziele im südlichen Irak deutlich. Die Kurse brachen kurzfristig ein, konnten später jedoch wieder zulegen. Vor allem die am Vortag teilweise schwachen Versicherungsaktien konnten sich erholgen. Die Aktien der Fluglinien verbuchten erneut Verluste. Die Ratingagentur Standard & Poor?s hat diese Branche auf ihre Beobachtungsliste im Hinblick auf eine mögliche Herabstufung gesetzt.

Der US-Dollar schwankte um die Marke von 0,91 $. Die an den Vortagen von politischer Angst geprägten Gold- und Rohölmärkte drückten keine weltweite Krisenstimmung mehr aus. Die Preise dieser beiden Krisenindikatoren schossen wegen der Irak-Gerüchte zeitweise zwar leicht in die Höhe, doch beruhigte sich die Lage später wieder.

Generelle Vertrauenskrise wenig wahrscheinlich

Wenngleich die Tragweite der Attentate in den USA noch nicht in allen Facetten erkennbar ist, gehen die meisten Analysten inzwischen davon aus, dass eine generelle Vertrauenskrise wenig wahrscheinlich ist. Das Geschehen an den Aktienmärkten war weiter sehr stark von Emotionen geprägt, so dass zwei Entwicklungen mit großer Erleichterung zur Kenntnis genommen wurden. Dies war zum einen das von den Notenbanken vorgenommene Risikomanagement durch die großzügige Liquiditätsversorgung der Finanzmärkte. Auch die von der Opec angekündigte Maßnahme, einen dauerhaften Anstieg des Ölpreises verhindern zu wollen, erwies sich als Beruhigungspille.

Am Geld- und Anleihenmarkt in den USA fielen die Zinsen aufgrund der Flucht in Qualität und Sicherheit kräftig zurück. In den am Donnerstag nach der Wiederaufnahme des Handels haussierenden Fed-Funds-Futures am Chicago Board of Trade wurde eine Senkung der Dollar-Leitzinsen um 50 Basispunkte eingepreist. Dass die EZB die Euro-Leitzinsen nicht gesenkt hat, überraschte den Markt nicht. Am langen Ende des US-Bondmarktes fiel die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen von 4,76 % am Montag auf 4,69 % zurück. An den zuvor haussierenden Bondmärkten Europas setzten mit der weiteren Erholung der Aktienmärkte dagegen Gewinnmitnahmen ein.

Händler bemühen sich um Normalität

Für die Händler war es in den USA, als ob sie in einen Hochsicherheitstrakt gingen. Jeder einzelne wurde abgetastet und überprüft, als Chicagos Terminbörsen ihren um eine Stunde verkürzten Handel wieder aufnahmen. Es schien als seien die Händler bemüht, den Handel ohne große Schwankungen wieder in Gang zu bringen. "Wir wollen gut durch den Tag kommen, das ist das Hauptziel", sagte ein Händler. Die Flucht in Qualität und Sicherheit drückte sich darin aus, dass mehr Geld in kurzfristige als in langfristige Staatspapiere floss. "Keiner weiß so recht, was hier los ist", sagte ein Händler. "Es gibt wenig Stabilität, wir wissen nur, die ganze Welt schaut zu." Andere deuteten an, dass sie noch nicht in Stimmung seien, wieder anzufangen, aber dass sie es als ihre Pflicht sähen, für einen geordneten Neubeginn zu sorgen. Am Markt für längerfristige Staatsanleihen, der nach der Zerstörung der Handelsabteilung von Cantor Fitzgerald unter erschwerten Bedingungen startete, setzte sich ein positiver Kurstrend durch. Der Handel mit Staatsanleihen hat eine Schlüsselfunktion im US-Bankensystem sowie in der Geldpolitik der US-Zentralbank. Cantor Fitzgerald war eines der größten Handelshäuser in diesem Segment. "Als Kunde habe ich zuerst auf Cantor geschaut, wenn ich den Kurstrend wissen wollte", sagte James Capra von Capra Asset Management. Eine Alternative ist das elektronische Handelssystem BrokerTec, das führenden Finanzhäusern gehört. Doch das sei nicht so gut.

Unterdessen bemühen sich die New York Stock Exchange und die Wall Street Häuser so bald wie möglich wieder mit dem Aktienhandel zu starten. Bürgermeister Rudi Giuliani hat zugesagt, Trümmer so rasch wie möglich zu beseitigen. Der Handel soll voraussichtlich am Freitag wieder beginnen. "Wir wollen das sein, was wir immer waren: der weltbeste Kapitalmarkt", sagt NYSE-Chef Richard Grasso.

Analysten erwarten Erholung der Aktienkurse schon zum Jahresende

Analysten erwarten, dass die Aktienkurse anfangs absacken, sich bis zum Ende des Jahres jedoch wieder erholen. "In unserer Erfahrung gehen die Märkte erst nach unten, ein paar Monate später sind sie höher als zuvor", sagt Richard Hoey vom Brokerhaus Dreyfus. "Die Zentralbank wird aggressiver als bisher agieren. In zwei Monaten werden die Anleger schon eine Erholung der Wirtschaft vorwegnehmen."

Chefstratege Robert Froehlich von Scudder Investments glaubt, dass alle Zentralbanken und Regierungen zusammenstehen müssen. Bundesfinanzminister Hans Eichel verteidigte die Entscheidung, die Börsen nach den Anschlägen nicht zu schließen. Bei der internationalen Abstimmung sei man sich einig gewesen, die Börsen nicht zu schließen. Man habe vor der Aufgabe gestanden, "keine Schocks entstehen" und keine Liquiditätsprobleme aufkommen zu lassen. Dabei hätten die Verantwortlichen nach der Maxime gehandelt, die Terroristen dürften nicht die Macht über die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft erlangen. Die gemeinsame Reaktion der führenden Industrieländer zeige, dass die internationale Zusammenarbeit "weiter ist als viele denken" , betonte Eichel in Berlin.

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