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Wandel-Spione

Es kann einem im Berufsleben keine größere Ehre widerfahren, als in eine Kommission berufen zu werden. Das gilt nicht nur in der Politik.
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Es kann einem im Berufsleben keine größere Ehre widerfahren, als in eine Kommission berufen zu werden. Das gilt nicht nur in der Politik. Wenn der Kanzler ruft und um Vorschläge zur Rentenreform, zur Gesundheitspolitik oder zur Arbeitslosenstatistik bittet, ist es natürlich Ehrensache, dass die Besten der Besten der Nation herbeieilen, um eine Arbeitsgruppe zu bilden, zu schreiben und zu streiten, zu beraten und zu raten.

Aber es geht auch eine Nummer kleiner. Manchmal reicht es ja aus, nur das eigene Unternehmen zu retten. Einer Gruppe beizutreten, die ein Konzept erarbeiten soll: zum Beispiel zum Formulieren einer neuen Corporate Identity, zusammen mit der Unternehmensberatung des Vertrauens. Oder ein Innovationsteam zu bilden, um Gedanken zur Neuorientierung des Unternehmens zu formulieren, und wie die Mitarbeiter dabei mitgenommen werden. Oder bei der Klärung der wichtigsten Frage helfen zu dürfen: Dienstwagen, heute und morgen. Oder: Brauchen wir Assistentinnen in den Außenstellen?

Das ist es. Es gibt nichts Besseres, als dabei zu sein, wenn man Karriere machen will: Vor allem dann, wenn die Antwort von vornherein klar ist: Nein, wir brauchen keine Assistentinnen.

Wenn es um die Implementierung der neuen Corporate Identity geht, weil es mit dem alten Statement von "Growth and Responsibilitiy" nicht mehr funktioniert, ist die Mitgliedschaft in einer Kommission die einzige Lebensversicherung, die zählt. Das Mantra vom Wachsen und Verantwortung-Tragen, das man sich noch vor kurzem in Großraumbüros zuflüstern konnte, muss weg. Stattdessen: Bescheidenheit, Ehrgeiz, Loyalität. Oder so ähnlich.

Für die neue Unternehmens-Identität braucht es Change- Agents, die die Sache in die Belegschaft tragen. Und gut, wenn man selbst ausgewählt wird, so einen Wandel-Spion abgeben zu dürfen. Das zeigt einem, dass man irgendwie zum Kern gehört. Und dass einem der Chef die Sache mit der Bescheidenheit auch zutraut.

Und dann kommt der Tag, an dem die Konzepte präsentiert werden, an dem die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vorstellen, an dem die Change-Agents in das Unternehmen geschickt werden. Und dann? Dann geht es ihnen genau so wie den Kommissionen, die das ganze Land retten sollten. Sie werden feststellen, dass die Zeit über sie hinweggerollt ist. Die Assistentinnen sind längst befördert und arbeiten in der Vorstandsetage. Die Dienstwagen sind geleast und der Wandelwind ist in zähen Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Personalabteilung eingeschlafen.

Besser ging s nicht, frohlocken die Chefs. Wir haben den faulen Säcken in den Außenstellen die Assistentinnen abspenstig gemacht, und das haben die auch noch selbst beschlossen. Die Wagen mit den Firmenkennzeichen zahlen sie jetzt selbst, und die Sache mit der neuen Identität ist beim Betriebsrat in den allerbesten Händen. Schließlich, sagt der Chef, und reckt sich auf, schließlich sind die Ergebnisse firmeninterner Arbeitsgruppen ja keine Bibel. Die Arbeitsgruppen mit den ehrgeizigen, jungen Kollegen machen originelle, provozierende und weit reichende Vorschläge. Aber die mitarbeiterfreundlichen Abstriche machen wir.

Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt karrierefördernd, an Arbeitsgruppen teilzunehmen und sich die Abende um die Ohren zu schlagen? Ja, unbedingt. Denn ohne Kommissionen gibt es keine guten Chefs. Wie das geht, lernt man nur, wenn man dabei ist und Erfahrungen sammeln kann: Warum es sinnvoll ist, eine Arbeitsgruppe einzuberufen, wenn die Firma revolutioniert werden muss. Um das Unternehmen umzukrempeln. Klar.

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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