Wandelanleihen sind traditionell kein Privatkundenprodukt
Fliegende Pferde

Halb Pferd, halb Vogel - Zwitterwesen wie das Flügelross Pegasus gibt es in alten Mythen - und auf dem Kapitalmarkt. Dort ist die Wandelanleihe ein solcher Zwitter. Um sich das Leben eines Zwitterwesens vorzustellen, braucht es viel Phantasie.

Für Wandelanleihen gilt Ähnliches: Sie leben von der Kursphantasie der Aktie, in die sie umgetauscht werden können, wie auch von der Zinsphantasie am Rentenmarkt. Doch Geldanlage ist nichts für Phantasten, sondern für nüchterne Rechner. Das heißt in diesem Fall, dass der Kurs nicht nur den Wert der Anleihe, sondern auch den der Option, in eine Aktie tauschen zu können, widerspiegeln muss. Außerdem bedeutet es, dass sowohl das Unternehmen als auch der Rentenmarkt beobachtet werden sollten. "Wandelanleihen sind traditionell kein Privatkundenprodukt", weist Martin Reinboth, Leiter Emissionsgeschäft Deutschland bei der Investmentbank Morgan Stanley, darauf hin, dass in erster Linie Banken, Fonds und Versicherungen solch hohen Aufwand betrieben. Deren Geschäft läuft größtenteils an der Börse vorbei, weswegen Aufträge von Privatanlegern häufig nicht ausgeführt werden können.

Dennoch kann das Zwitterprodukt zurzeit eine interessante Alternative zu Aktien und Anleihen sein. "Die Erholung der Aktienmärkte wirkt sich für Wandelanleihen positiv aus", sagt Stephan Römer, Manager des Fonds WestAM European Convertible. Das Versprechen des Emittenten, Zinsen und Anleihebetrag an den Anleger (Gläubiger) zu zahlen, verhindert einen Verlust, sofern der Emittent zahlungsfähig bleibt. Den meist niedrigen Zinsen stehen - gemessen an Anleihen - höhere Kurschancen gegenüber. Marc-Alexander Knieß, Manager des DWS-Convertible-Fonds, hat eine grobe Faustregel parat: "Wandelanleihen machen zu etwa zwei Dritteln einen Kursanstieg der Aktie mit, büßen aber bei Kursverlusten nur etwa ein Drittel ein."

Aus Wandelanleihen kann ein Anleger aber auch beim Finanzamt Kapital schlagen. Die niedrigen Zinsen halten die steuerpflichtigen Einkünfte aus Kapitalvermögen niedrig, und Wandlungsgewinne sind steuerfrei (s. auch "Steuern"). Wandeln wird der Anleger nur, wenn der Aktienkurs den Wandlungspreis überschreitet.

Das Zwitterprodukt kann zurzeit eine interessante Alternative zu Aktien und Anleihen sein

"Je niedriger die Prämie ist, desto eher reagiert eine Wandelanleihe auf den Aktienkurs. Umgekehrt gilt: Je höher die Prämie ist, desto stärker reagiert sie auf Veränderungen des Zinsniveaus", erläutert Knieß. Die Prämie gibt die Kosten des Erwerbs einer Aktie via Wandelanleihe in Prozent an. Mögliche Kursgewinne im Auge, raten Experten zu Papieren, deren Prämien zehn bis 40 Prozent betragen. In der Tabelle "Wandelanleihen" wurde zusätzlich berücksichtigt, dass der Kupon aus steuerlichen Gründen weniger als zwei Prozent beträgt. Aus Liquiditätsgründen wurde auf einen Anleihennennwert bis 1 000 Euro und ein Emissionsvolumen von mindestens 500 Millionen Euro geachtet sowie der Euro als Anlagewährung gewählt, um Devisenkursrisiken zu vermeiden.

Eine Besonderheit der französischen Anleihen: Das Wandlungsverhältnis zur Aktie beträgt eins zu eins, die Anleihestückelung entspricht dem Wandlungspreis. Statt die kompliziert zu berechnenden Prämien als Auswahlkriterium zu Grunde zu legen, können Anleger auch den Abstand zwischen Wandlungspreis und aktuellem Aktienkurs heranziehen.

Doch sollte sich niemand von möglichen steuerfreien Wandlungsgewinnen blenden lassen. Die Bonität des Emittenten muss stimmen. Ganz wichtig ist auch der Blick ins Kleingedruckte des Prospekts. Dort steht beispielsweise, bis zu welchem Zeitpunkt gewandelt werden darf, ob der Emittent sich ein vorzeitiges Kündigungsrecht vorbehält und welche Kompensation bei Sonderdividenden und Übernahmen vorgesehen sind.

Wandelanleihen-Experte Reinboth rät: "Anleger sollten Papiere wählen, bei denen der Emittent möglichst lange auf ein vorzeitiges Kündigungsrecht verzichtet." Und für den Fall einer Sonderdividende empfiehlt er: "Der potenzielle negative Kurseffekt einer Sonderdividende sollte durch einen Mehrbezug von Aktien ausgeglichen werden." Barabfindungen bei Übernahmen lassen sich durch Prämienkompensationen auffangen, "deren Höhe dann typischerweise von der Restlaufzeit der Anleihe und der Höhe des aktuellen Aktienkurses im Verhältnis zum Wandlungspreis abhängt", ergänzt Reinboth. Sich mit all diesen Details zu befassen, ist nicht jedermanns Sache. Ein Grund von Wandelanleihen zu lassen, muss es aber nicht sein. Der Blick ins Kleingedruckte kann an die Manager von Wandelanleihen-Fonds delegiert werden, die zudem für Risikostreuung sorgen, indem sie in viele Titel investieren.

Der griechischen Sage nach soll Pegasus durch den Schlag seiner Hufe eine den Musen geweihte Quelle hervorgebracht haben. Vielleicht gelingt es Wandelanleihen ja, Privatanlegern eine von Finanzminister Eichel gesegnete steueroptimierte Geldquelle zu erschließen - direkt oder über einen Investmentfonds.

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