Wandlung zur Multimedia-Firma bis auf weiteres vertagt
Yahoo fehlt die klare Strategie

Nach sechs Verlustquartalen in Folge will Yahoo endlich wieder in die Gewinnzone. Kostenpflichtige Dienste sollen die Abhängigkeit vom Werbemarkt senken. Die Strategie heißt Herumprobieren, kritisieren Analysten.

SAN FRANCISCO. Nagelprobe für Terry Semel: Der Vorstandschef des Internet-Portals Yahoo Inc. braucht dringend einen Erfolg, den er Investoren und Analysten präsentieren kann. Sechs Quartale in Folge hat das Unternehmen nun rote Zahlen geschrieben. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, dessen Ergebnis am kommenden Mittwoch nach Börsenschluss in den USA bekannt gegeben wird, soll die Gewinnschwelle wieder erreicht werden.

Doch die Anleger sind skeptisch: Der Aktienkurs mit deutlichen Ausschlägen zeugt von der Zitterpartie. Und auch die Analysten sind geteilter Meinung: Safa Rashtchy vom Investmenthaus US Bancorp Piper Jaffray erwartet ein solides Quartal. Er rechnet damit, dass Yahoo die Umsatzerwartungen von 212 Mill. $ um 5 bis 10 Mill. $ übertreffen und die Gewinnprognose von 2 Cent je Aktie erfüllen wird. Anthony Noto vom Investmenthaus Goldman Sachs dagegen glaubt nicht an eine "bedeutungsvolle Erholung".

Wichtiger als eine positive Bilanz ist allerdings, ob es Semel gelingt, das Unternehmen mit 237 Millionen Nutzern von der Abhängigkeit von den Werbeeinnahmen zu befreien und neue Umsatzquellen zu erschließen. 2004 sollen die Werbeeinnahmen nur noch die Hälfte des Umsatzes ausmachen, vergangenes Jahr lag der Anteil noch bei mehr als 80 %.

Erste Erfolge des Strategiewechsels sind sichtbar: So hat sich der Umsatzanteil aus kostenpflichtigen Diensten im vergangenen Jahr auf 37 % verdoppelt. In diesem Zeitraum hat Yahoo 18 kostenpflichtige Dienste eingerichtet; die neue Homepage platziert potenzielle Umsatzbringer wie Reisen, Auktionen und den schnellen Internetzugang prominent auf der Seite.

Experten streiten jedoch, wie viele Internet-Nutzer tatsächlich schon bereit sind, für Inhalte im Netz zu zahlen. Während der Marktforscher von Forrester Research von rund 30 % Zahlungswilligen ausgeht, rechnet Analyst Scott Reamer vom Investmenthaus SG Cowen eher mit fünf bis zehn Prozent.

Statt auf unsichere Marktpotenziale zu setzen, hatte Semel deshalb verkündet, nur die Geschäftsbereiche beizubehalten, die zum Gewinn beitragen. Das Problem: Semels Versuche wirken wie eine Übung in Versuch und Irrtum denn wie eine klare Strategie. "Yahoo wirft jede Menge Dienste an die Wand und schaut, welche kleben bleiben", beschreibt Lisa Allen vom Marktforscher Forrester Research die Strategie.

Jüngstes Beispiel: Video- und Radioübertragungen über das Internet. Im Frühjahr 2000 hatte Yahoo den Dienst Finance Vision mit hohen Erwartungen gestartet, nachdem das Unternehmen im Jahr zuvor den Internet-Sender Broadcast.com für 5,7 Mrd. $ in Aktien gekauft hatte. Wie der US-Börsenfernsehsender CNBC sollten Interviews mit Analysten und Vorstandschefs über aktuelle Trends am Aktienmarkt informieren. Jetzt hat Yahoo den Dienst wieder eingestellt, auch die eigenen Sendungen über Yahoo Radio wird es nicht mehr geben. Erste Versuche, sich von einem Internet-Unternehmen zu einer Multimedia-Firma zu wandeln, sind damit vorerst eingefroren. Programme anderer Anbieter werden allerdings weiter über die Yahoo-Seite übertragen.

Große Hoffnungen setzte Semel auf Kontaktanzeigen, die deutlich zum Umsatzwachstum betragen sollten. Doch hier fährt Yahoo inzwischen einen Schlingerkurs. Hatte das Unternehmen von einigen Monaten angekündigt, 4,95 $ im Monat für die gezielte Partnersuche zu verlangen, ist der Service jetzt wieder kostenlos - zumindest vorübergehend, wie es auf der Web-Seite heißt.

Den großen Umschwung wird ein solches Herumprobieren nicht bringen, vermutet Analyst Justin Baldauf vom Investmenthaus Merrill Lynch. Er rechnet mit einem Umsatzwachstum von 2 % bis 4 % für den Rest des Jahres - nicht eingerechnet die Beiträge der Jobsuchmaschine Hot-Jobs und der Vermarktungsfirma Overture. Auch Analyst Derek Brown von W.R. Hambrecht fehlt die klare Linie. "Immer wenn ich mit Yahoo zu tun habe, frage ich mich: Was wollen die eigentlich mal werden, wenn sie erwachsen sind?"

Quelle: Handelsblatt

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