"Warme Gefühle statt kalter Fakten"
Medienanstalten drohen Privaten mit Rausschmiss aus Kabelnetz

afp MÜNCHEN. Wer zur besten Sendezeit statt Serien oder Überwachungsshows à la "Big Brother" politische Informationen will, muss bei den Privatsendern lange suchen: Mit durchschnittlich elf Minuten betreibt RTL zwischen 18 und 23 Uhr noch die ausführlichste Berichterstattung, bei VOX schrumpft die politische Berichterstattung auf kümmerliche 60 Sekunden. "Warme Gefühle statt kalter Fakten" prägten die Programme, bemängelt Norbert Schneider, Chef der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM). Schneider droht den Privaten deshalb mit dem Rausschmiss aus dem für sie lebenswichtigen Kabelnetz. Die Medienwächter der DLM fordern eine inhaltliche Debatte. Die will auch der besonders kritisierte Sender RTL2, allerdings mit anderer Zielrichtung: "Muss denn Information politisch sein, um dem Bildungsanspruch zu genügen?" fragt Sprecher Matthias Trenkle.

Fernsehen verliert an Bedeutung

Schneider sieht durch eine vom Berliner Kommunikationswissenschaftler Hans-Jürgen Weiß verfasste Studie die Legitimität der Privatsender als Vollprogramme in Frage gestellt. Weiß untersucht seit 1998 kontinuierlich die Programme von ARD, ZDF, RTL, SAT.1, ProSieben, VOX, RTL2 und Kabel 1, die wegen ihrer inhaltlichen Breite als Vollprogramme eingestuft werden. Das am Mittwoch in München präsentierte Ergebnis liest sich wie ein Abgesang auf die klassischen Informationsformate: In allen Sendern außer dem ZDF besteht das Programm demnach mittlerweile zum Teil zu deutlich mehr als der Hälfte aus Serien, Spielfilmen, Quiz-, Spiel- und Nonsensshows - bei steigender Tendenz. Dies könnte nach Ansicht der Forscher nachhaltige Folgen haben: Das Fernsehen scheine seine "Bedeutung als Medium der politischen Information und Meinungsbildung" zu verlieren. Obwohl auch die Öffentlich-Rechtlichen der Unterhaltung breiten Raum einräumen, trägt für die Forscher das Privatfernsehen die Hauptschuld an der Entwicklung. Gut fünfzehn Jahre nach dessen Einführung habe sich eine "problematische Veränderung" ergeben, sagt Wolf-Dieter Ring, Chef der Bayerischen Landesmedienanstalt. Mit dem Trend hin zur Unterhaltung und weg von der Information kämen die Sender nur noch unzureichend den Vorgaben des Rundfunkstaatsvertrages nach, der unter anderem eine inhaltliche Vielfalt verbindlich vorschreibt. Laut Studie hat sich diese bereits 1998 festgestellte Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren noch weiter verstärkt. Dies mache auch vor klassischen Formaten wie Nachrichtensendungen nicht Halt. So zeigt Marktführer RTL in seinen Nachrichten nur noch zu 38 Prozent politische Inhalte; bei Sat.1 als schärfstem Konkurrenten sind es sogar nur 24 Prozent. Boulevard und Sport haben hier mehr Platz.

Drohung: Umstrukturierung des Kabelnetzes

Für Schneider ist das eine sehr bedenkliche Entwicklung. Wo die Haaranalyse von Fußballtrainer Christoph Daum einen höheren Stellenwert habe als eine politische Analyse, sei ein "Missverhältnis sichtbar". Dies entspräche zwar dem Zeitgeist, die öffentliche Aufgabe der Sender drohe dabei aber unter die Räder zu kommen. Deshalb droht Schneider mit einer Umstrukturierung des Kabelnetzes, falls die Sender nichts an ihrem Programm ändern. Dann könne ein Spartensender wie der Nachrichtenkanal N24 plötzlich einen der begehrten und begrenzten Plätze bekommen und ein Vollprogramm rausfliegen. Für die Verantwortlichen von RTL2 gehen die Medienwächter dagegen von einer falschen Definition des Bildungsbegriffs aus. Trenkle spricht von einem "Wandel", der sich vollziehe. Für die Sender-Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen sei Musik oder Sport nun mal mehr gefragt, bei den über 50-Jährigen überwiege die Politik. RTL2 fahre mit seiner Linie gut, betont der Sprecher: Mit einer Million Zuschauern mache der Sender mit seinen RTL2-News die zweiterfolgreichste Informationssendung in der Zielgruppe - und für die wird ja schließlich die Werbung abgestimmt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%