Warmer Geldregen gibt neuen Schub
Biotech-Finanzierung erreicht immer neue Rekorde

Die Euphorie der Kapitalmärkte hat der Biotech-Industrie im laufenden Jahr weltweit einen Rekord-Zufluss an Liquidität beschert. Ein Ende der Emissionswelle ist nicht abzusehen.

HB FRANKFURT/M. Wer nach Indizien für den heftigen, wenn auch volatilen Biotech-Boom der vergangenen Monate sucht, wird am ehesten auf die entsprechenden Börsenindizes schauen. Noch eindrucksvoller dagegen dürfte ein Blick in Bilanzen der Branche ausfallen. Sie wurden in diesem Jahr durch einen beispiellosen Mittelzufluss aufgepolstert.

Die erfreuliche Entwicklung in Deutschland, wo die Branche mit bisher acht Börsengängen die Rekordsumme von gut 800 Mill. Euro neuer Mittel generierte, reflektiert dabei nur einen kleinen Zipfel des globalen Geldsegens für Biotech. Denn noch bei weitem üppiger ist der Kapitalzufluss bei der amerikanischen Biotech-Industrie. Dort haben mehr als 50 Biotech-Neuemissionen in diesem Jahr bereits gut 5 Mrd. $ in die Kassen der beteiligten Unternehmen gespült. Hinzu kommen Dutzende von Zweitemissionen der bereits notierten Biotechfirmen.

Einer Statistik der amerikanischen Merchant-Bank Burrill & Co zufolge addierte sich der gesamte Mittelzufluss der US-Biotech-Branche (einschließlich Venture-Kapital, Privatplatzierungen und Kooperationserlöse) bereits bis Jahresmitte auf mehr als 14 Mrd. $. Einschließlich der mehr als zwei Dutzend Börsengänge im Juli und August sowie weiterer Anleihe-Emissionen dürfte sich das Volumen inzwischen der 20 Milliarden-Dollar-Grenze nähern. Und ein Ende des Finanzierungsbooms ist bisher nicht zu sehen, auch wenn sich zunächst eine kleine Sommerpause abzeichnet. Nachdem die Mehrzahl der jüngeren Börsenneulinge, darunter auch die deutsche Lion Bioscience AG, ihren Zeichnern solide Kursgewinne bescherte, rechnen Branchenbeobachter damit, dass sich die Serie der Biotech-Emissionen im September fortsetzt.

Andererseits herrscht wenig Zweifel daran, dass die Emissionsflut früher oder später wieder abebben wird. Biotechnologie-Experten wie Jennifer van Brunt sprechen inzwischen gar von einer "Biotech-Tsunami" , einer Riesenwelle, die irgendwann brechen muss. Und Industrievertreter, die kürzlich auf einer Forschungs-Konferenz in Boston zusammenkamen, diskutierten das Phänomen mit einer Mischung aus Stolz, Ehrfurcht und leisem Unbehagen.

Einigkeit besteht darin, dass der Geldsegen der Branche einen weiteren Schub beschert und die Technologieentwicklung beschleunigen wird. Zahllose Biotech-Firmen verfügen inzwischen wieder über genügend Liquidität, um über Jahre ohne Zusatzfinanzierung weiterzuarbeiten. Offen bleibt dagegen, wie stark die Konkurrenzverhältnisse von der Flut an Newcomern beeinflusst werden. In "heißen" Arbeitsgebieten wie der Genomanalyse und Biochip-Produktion sind den Akteuren der ersten Stunde inzwischen eine ganze Reihe von Wettbewerbern oder Spezialisten zur Seite getreten. "Der Markt demonstriert damit, dass er die neuen Technologien schneller sehen will", interpretiert Arthur Sands, der Chef des Börsenneulings Lexicon Genetics die Begeisterung Wall Streets für Biotech.

Andere Beobachter gehen indessen davon aus, dass längst nicht alle der jüngeren Neugründungen auf Dauer überleben können. " Es wird eine enorme Konsolidierung geben", erwartet zum Beispiel der erfahrene Biotech-Unternehmer und der Chef der britischen DeNovo Pharmaceuticals, David Bailey. Die Gefahr, dass ein solcher Prozess die Bewertung des Biotech-Sektors insgesamt in Frage stellen könnte, wird dabei in der Branche selbst nicht allzu hoch eingeschätzt. "Die Leute erkennen, dass eine rapide Transformation in der Industrie stattfindet", sagt Steven Holtzmann von Millennium Pharmaceuticals. "Wir sind nun kurz davor, die Früchte der technologischen Revolution zu ernten."

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