Warnung aus Washington
IWF: Deflations-Risiko in Deutschland

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist besorgt über die "Stagnation" in Deutschland. Schlimmer noch: Das "Deflations-Risiko" sei hier zu Lande größer als in anderen Industriestaaten, Japan ausgenommen. Dies schreibt der IWF in seinem aktuellen Bericht zur Weltwirtschaft, der dem Handelsblatt vorab vorliegt. Offiziell wird der Bericht Mitte April bei der Frühjahrstagung des Fonds in Washington vorgestellt.

Auch von der konjunkturellen Entwicklung in der Euro-Zone ist der IWF "enttäuscht". Die Konjunktur habe im zweiten Halbjahr 2002 nicht Tritt gefasst, die Aussichten seien "trübe". Der Anstieg des Exports im ersten Halbjahr habe nicht gereicht, um die Inlands-Nachfrage nachhaltig anzukurbeln, schreibt der Fonds.

Auch der Verbrauch habe nur schwach angezogen. Die Investitionen seien wegen der "schwachen Gesamt-Nachfrage und den unzureichenden Gewinn-Aussichten" weiter zurückgegangen. Auf Grund der weiter sinkenden Kapazitätsauslastung, des schwachen Unternehmer- Vertrauens und der starken Zunahme des Verschuldungsgrades seien 2003 keine großen Impulse durch die Investitions-Nachfrage zu erwarten.

Der Fonds kommt zu dem Schluss, dass der Aufschwung in den Industrieländern weiter durch die Geld- und Finanzpolitik unterstützt werden sollte. Der Europäischen Zentralbank (EZB) rät der IWF, "eine erneute Zinssenkung ins Auge zu fassen", falls die Inflationsrate wie erwartet sinke. "Die verstärkte strukturelle Konsolidierung in den großen Ländern des Euroraumes ist trotz kurzfristiger Dämpfung der Nachfrage angemessen", schreibt der IWF.

Der Fonds rät deswegen, die "automatischen Stabilisatoren" vollständig wirken zu lassen, auch wenn dann die im Stabilitäts- und Wachstumspakt definierte Defizit- Grenze bei der Neuverschuldung in Höhe von 3,0 % des Bruttoinlandsprodukts überschritten werde.

Bisher sei es nicht gelungen, die deutsche Konjunktur mittels Geld- und Finanzpolitik auf Trab zu bringen. Der IWF warnt die Bundesregierung davor, die Wirtschaft durch "kurzfristige Maßnahmen der Einnahmeverbesserungen" zu belasten. Wie im Handelsblatt bereits berichtet, rechnet der Fonds für 2003 mit einer Defizitquote von 3,2 %.

Für die USA sieht der IWF "güns-tige Voraussetzungen für kräftiges Wachstum auf der Angebotsseite". Dies liege vor allem an dem "kräftigen Trendwachstum der Produktivität". Der private Verbrauch, der normalerweise zu zwei Drittel der US- Wirtschaftsleistung beiträgt, werde "wahrscheinlich geringere Impulse" geben. Grund: Das Nettovermögen der Haushalte sei trotz der steigenden Immobilienpreise gefallen.

Um die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von der US-Konjunktur zu vermindern, müssten in Japan die Strukturprobleme des Finanz- und Unternehmenssektors gelöst, in Europa die Reformen der Arbeits- und Produktmärkte vorangetrieben und in den USA für eine nachhaltigen Finanzpolitik gesorgt werden.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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