Warnung in Schweden
Krebsalarm für Pommes schreckt Behörden auf

Schwedische Warnungen vor dem möglicherweise äußerst schädlichen Giftstoff Acrylamid in Chips, Pommes frites und Knäckebrot haben die deutschen Behörden aufgeschreckt.

dpa STOCKHOLM/BERLIN. Schwedische Warnungen vor dem möglicherweise äußerst schädlichen Giftstoff Acrylamid in Chips, Pommes frites und Knäckebrot haben die deutschen Behörden aufgeschreckt. Die schwedische Lebensmittelbehörde habe auf ein "bislang nicht bekanntes gesundheitliches Risiko" hingewiesen, berichtete das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin am Donnerstag in Berlin. Das deutsche Verbraucherschutzministerium versprach, die Risiken zu prüfen. Schwedische Wissenschaftler kritisierten jedoch, die bisherigen Untersuchungen reichten nicht aus, um daraus erhebliche Gefahren herleiten zu können. Acrylamid gilt als Krebs erregend und Erbgut schädigend.

Die schwedische Lebensmittelbehörde hatte am Mittwoch vor erheblichen Krebsrisiken durch Acrylamid gewarnt. Forscher der Universität Stockholm hätten den in der chemischen Industrie verwendeten Stoff in einer Konzentration von 980 Mikrogramm je Kilo in Chips gefunden - ein Vielfaches der als ungefährlich geltenden Menge. Die Informationen seien sofort an die Fachinstitute und - anstalten weitergeleitet worden, teilte der Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium, Alexander Müller, mit. Die EU- Kommission und die Bundesländer wurden laut Müller gebeten, das Problem rasch zu untersuchen. Die Wirtschaft sei informiert worden.

Führende schwedische Forscher wie Ernährungswissenschaftler Jan- Åke Gustafsson (Novum, Huddinge) und Toxikologe Magnus Ingelmann- Sundberg (Karolinska Institut, Stockholm) erklärten in der Zeitung "Svenska Dagbladet" hingegen, die Lebensmittelbehörde "Livsmedelverket" habe die Krebsgefahr für Verbraucher in verantwortungsloser Weise dramatisiert. Der Epidemiologe Anders Ahlbom vom Karolinska Institut erklärte, er halte die Warnung für "in nicht akzeptabler Weise unsicher", da sie ausschließlich auf Tierversuchen basiere.

Die schwedische Behörde hatte als Ursache für die Bildung des bisher mit diesen Nahrungsmitteln nicht in Verbindung gebrachten Stoffes sehr starke Erhitzung durch Frittieren oder Braten genannt. Bei Pommes frites schwankte die Menge je nach dem Grad der Erhitzung beim Frittieren zwischen 201 und 1104 Mikrogramm pro Kilo. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht als zulässige Höchstmenge für Menschen die Einnahme von 1 Mikrogramm pro Tag an. Auch die WHO wollte sich nach schwedischen Angaben mit dem Fall befassen.

Das Bundesinstitut für Verbraucherschutz forderte die Hersteller potenziell belasteter Lebensmittel dazu auf, ihre Verfahren zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern. Vor einer umfassenden Prüfung könnten die Gefahren aber nicht bewertetet werden.

Acrylamid ist als "Baustein" für Kunststoffe auch ein möglicher Bestandteil von Lebensmittelverpackungen. Die Abgabe des Stoffes an die Nahrungsmittel muss nach gesetzlichen Vorschriften in Deutschland unter der Nachweisgrenze bleiben. Von schwedischen Medien befragte Hersteller wie die Fast-Food-Kette McDonald's, der Knäckebrotproduzent Wasa und der in Schweden führende Chips-Hersteller Estrella äußerten Überraschung und signalisierten die Bereitschaft zur Klärung.

Die Lebensmittelbehörde erklärte, das von ihr angenommene Krebsrisiko in den betroffenen Nahrungsmitteln führe in Schweden statistisch zu "jährlich einigen hundert Todesfällen". Die Zeitung "Dagens Nyheter" meinte in einem Kommentar der Wissenschaftsredaktion: "Die veröffentlichten Informationen sind weitgehend unzulänglich. Ohne Fakten verschwindet das Vertrauen."

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