Warnungen vor einem Einstieg Murdochs
Die Deutschen bleiben am liebsten unter sich

Jetzt, da das Reich des Leo Kirch kurz vor der Zerteilung steht, legt sich ein Schleier der Verklärung über die deutsche Medienlandschaft: Ohne lästige ausländische Konkurrenz war eigentlich alles bestens, meinen Politiker und Programmdirektoren. Sie fürchten den Einstieg Rupert Murdochs. Doch außer dieser Möglichkeit kommt noch eine eigentlich totgesagte Alternative zur Lösung der Krise auf den Tisch: der Börsengang.

pes/cbu/ink BERLIN/MÜNCHEN. ARD und ZDF, sonst Horte der öffentlich-rechtlichen Besonnenheit, sind in Aufruhr. Eine besonders verhasste Variante für die Zeit nach Leo Kirch deutet sich an: Der Einstieg des Medienunternehmers Rupert Murdoch bei Kirch Media und möglicherweise den Sendern Sat 1, Pro 7 und Kabel 1. Die Intendanten fürchten ein gestörtes Gleichgewicht im fein austarierten deutschen Sendermarkt und den Antritt eines "rücksichtslosen Tycoons".

Unterstützung erhalten sie aus der Politik. Bei der SPD sieht man den möglichen Einstieg Murdochs mit Besorgnis. "Durch den Niedergang von Kirch bekommt er erheblichen Einfluss auf wichtige Medienunternehmen in Deutschland", glaubt der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck. Wie viel Einfluss Murdoch wo bekommt - darüber kann jedoch auch Struck keine Auskunft geben.

Eine bloße Minderheitsbeteiligung Murdochs an Kirch würde sich für den Australier nicht lohnen. Seine Beteiligungen an Vox und TM 3 (heute Neun Live) hat er aus diesem Grund aufgegeben. Dennoch malt die Politik den Teufel an die Wand, schließlich ist ja Wahlkampf. Wenn jemand für das Ende der nationalen Medienpolitik Verantwortung trage, "dann ist es die bayerische Landesregierung", sagte Struck. Diese habe durch Kredite über die Bayerische Landesbank dafür gesorgt, dass sich der angeschlagene Kirch-Konzern so lange halten konnte.

Für Strucks These spricht immerhin, dass die Landesregierung unter CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber zum Thema Kirch seit Wochen auf Tauchstation gegangen ist. Aus dem Umfeld Stoibers heißt es, der Kanzlerkandidat wolle sich völlig aus der Kirch-Krise heraushalten. Auch das ist wohl dem Wahlkampf geschuldet. 1999 nämlich hatte Stoiber noch bei einem persönlichen Treffen mit Rupert Murdoch in Los Angeles den Australier zu einem Engagement bei Kirch ermuntert.

Heute dagegen hält sich auch Staatskanzleichef Erwin Huber, im Freistaat für Medienfragen zuständig, auffällig zurück. So war es Aufgabe von Alois Glück, Chef der CSU-Landtagsfraktion, kundzutun: "Es gibt keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen einen Einstieg ausländischer Investoren." Das Wichtigste sei jetzt, in München Arbeitsplätze zu erhalten.

Während bei ARD und ZDF genauso wie bei SPD und Union also das Thema eine Rolle spielt, ist bei RTL, dem größten privaten Fernsehanbieter, Lässigkeit angesagt - zumindest offiziell. Angesichts eines möglichen ausländischen Engagements bei Kirch werde sich für seine Sender nichts ändern, ließ RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler verkünden. Tatsächlich würden für den Marktführer die Marketingkosten in astronomische Höhen schießen, sollte Murdoch das Ruder bei frei empfangbaren TV-Sendern aus dem Kirch-Reich übernehmen. Auch bei RTL kennt man Murdochs durchschlagende Erfolge in Großbritannien und den USA dank perfekter Werbekampagnen. "Wir müssen es sehr ernst nehmen, wenn er auf den Markt kommt", heißt es in der RTL-Familie hinter vorgehaltener Hand.

Analysten wie das Team von HSBC Trinkaus & Burkhardt halten noch eine andere Variante als den Einstieg Murdochs für denkbar. "Die Banken könnten die Mehrheit an der Kirch-Gruppe übernehmen und das Unternehmen an die Börse bringen", schätzt ein HSBC-Medienexperte. Zwar war die Fusion von Kirch Media und der Pro 7 1- -Sat Media AG erst kürzlich "endgültig" abgesagt worden, könnte aber in einem Jahr durchaus wieder sinnvoll sein. "Eine günstigere Variante, um mit Kirch Media an die Börse zu gehen, gibt es einfach nicht", erklärt ein Analyst. Noch ein Vorteil: Mit Hilfe der Banken hielten sich die Sender unliebsame Störenfriede vom Hals. Denn auf dem weltweit zweitgrößten Medienmarkt zählt letztlich der nationale Stolz.

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