Warten auf den Ausgang der Offerte von Crédit Agricole für Crédit Lyonnais
Frankreichs Banken stehen unter Veränderungsdruck

Nirgendwo in Europa ist das Bankgewerbe wohl augenblicklich derart in Bewegung wie in Frankreich. Denn die Übernahme von Crédit Lyonnais durch die genossenschaftliche Agrarbankgruppe Crédit Agricole lässt einen ein Bankgigant entstehen, an dem im Markt keiner mehr vorbei kommt - vor allem im Schaltergeschäft. Einer von drei Franzosen wird bei Agricole-Lyonnais sein Konto haben, und auf dem Lande liegt dieser Prozentsatz vielerorts erheblich höher.

HB DÜSSELDORF. Einige Pariser Finanzleute schließen indes nicht aus, dass die Megaübernahme von Crédit Agricole nicht unwidersprochen bleibt. Noch immer könnte BNP Paribas sich zu einer Gegenofferte entscheiden. Zwar hat die Bankaufsicht Cecei sich nach der schmutzigen Übernahmeschlacht 1999 zwischen BNP, Banque Paribas und Société Générale darauf festgelegt, feindliche Übernahmen nicht mehr zu genehmigen. Doch hielte dieser Vorsatz kaum, wenn die Agricole-Offerte misslänge. So lassen die Agrarbanker, die angeblich schon 40 % der Lyonnais-Aktien sicher hatten, die zu übernehmende Bank immer noch bei ihrer Privatkundschaft dafür werben, Lyonnais-Aktien der Agrar-Spitzenbank Crédit Agricole S.A. (Casa) anzudienen.

Und eine Klage, der sich inzwischen fünf Gewerkschaften angeschlossen haben, versucht die Fusionsvereinbarungen so massiv zu Gunsten des Lyonnais-Personals zu verändern, dass für die Agrarbanker kaum mehr ein Übernahmemotiv übrig bliebe. Und entgegen der Erwartung von Casa-Boss Jean Laurent billigte die Bankaufsicht der Klage aufschiebende Wirkung zu. Seitdem läuft die Agricole-Offerte für Crédit Lyonnais ohne Endtermin, was viele Anleger mit der Andienung ihrer Aktien zögern lässt.

Gelingt die Übernahme jedoch, hat Frankreichs vereinigte Superbank Großes vor. Laurent und Casa-Chefaufseher René Carron lassen keinen Zweifel daran, dass sie bei der Konsolidierung der europäischen Bankenlandschaft dabei sein wollen. Analysten in Paris schließen nicht aus, dass sie dabei längst die Commerzbank oder die Hypovereinsbank im Visier haben. Dabei sind Frankreichs Banken längst im Ausland etabliert. Vor allem in Italien, Portugal und Griechenland, aber auch in Osteuropa halten die größeren Institute Beteiligungen.

Bankenschlacht verunsicherte Kunden

Doch beim Kampf um Größe am europäischen Bankenmarkt werden die Franzosen nicht vergessen, welch schwere Wunden ein aggressives Wettbieten um eine Bank schlagen kann. Denn in der Pariser Bankenschlacht vor vier Jahren entkam zwar Société Générale dem Angreifer BNP um Haaresbreite. Aber monatelang wurden die Filialnetze der beteiligten Banken als bloße Synergiebringer zur Disposition gestellt. Die Privatkunden waren verunsichert. Das Großkundengeschäft wurde im Schlachtgetümmel vernachlässigt. In Anzeigenkampagnen wünschten sich die streitenden Manager gegenseitig den Teufel an den Hals. Und Tausende von Bankangestellten, zerrieben zwischen unvereinbaren Loyalitäts- und Leistungsanforderungen, gingen in die innere Kündigung.

Dennoch steht Frankreichs Bankensektor weiterhin unter Veränderungsdruck. So glauben Beobachter der Branche, dass die Übernahme von Crédit Lyonnais längst nicht die letzte in Frankreich gewesen sein wird. So zeichnet sich bei der von der Regierung angekündigten Zerschlagung der Förderbank Caisse des Dépôts et Consignations (CDC) ein Kampf um die Investmentbank CDC Ixis sowie der Beteiligungsholding Eulia ab. Der genossenschaftliche Bankensektor ist völlig überbesetzt. Spezialinstitute für Konsumentenkredite nehmen kleineren Instituten die Luft zum Atmen. Und die von der Regierung verschobene Reform des Scheck- und Privatkontenwesens dürfte zu gegebener Zeit ein Erdbeben in Frankreichs Finanzwelt auslösen, dem womöglich tausende von Zweigstellen und manche unrentable Bank zum Opfer fallen werden.

Strukturwandel ist noch nicht abgeschlossen

Frankreichs Kreditwirtschaft ahnt, dass der durch die Verstaatlichungen und Reprivatisierungen der achtziger und neunziger Jahre ausgelöste Strukturwandel der Branche noch längst nicht abgeschlossen ist. So sind etliche Institute mehr oder weniger offen auf Partnersuche. Kaum eine Paarung scheint ausgeschlossen. Die Volksbanken mit ihrer Investmentbank Natexis müssten wachsen. Die Sparkassen sind durch den Wechsel ins genossenschaftliche Lager zwar dem Brüsseler Bannstrahl entkommen, der auf ihren deutschen Kollegen liegt, haben ihre Rolle aber noch nicht gefunden. Und der Kommunalfinanzierer Dexia ist ganz ungeniert auf Brautschau.

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