Warten auf Hisbollah und Arafat
48 Stunden des Bangens in Nahost

Der israelische Rundfunk spielte Musik zum Durchhalten. "Habt keine Angst, habt keine Angst", hieß eines der Lieder, mit denen den Zuhörern wenige Stunden vor Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, Mut gemacht werden sollte. Denn die Entführung von drei israelischen Soldaten durch die libanesische Hisbollah-Guerilla und das Ultimatum, das Ministerpräsident Ehud Barak am Samstagabend den Palästinensern nach tagelangen blutigen Ausschreitungen stellte, hat unter der jüdischen Bevölkerung die tief sitzende Angst vor einem neuen Krieg wieder aufbrechen lassen.

dpa TEL AVIV. Zu lebendig ist die Erinnerung an das Jom Kippur-Fest vor 27 Jahren, als Ägypten und Syrien die fastenden israelischen Truppen mit ihrem Überraschungsangriff an den Rand einer Niederlage brachten.

Barak bekräftigt Forderungen

Rund 30 Stunden vor Ablauf des Ultimatums wiederholte Barak noch einmal seine Drohungen: "Entweder stoppt (Palästinenserpräsident Jassir) Arafat die Unruhen, oder der Friedensprozess wird abgebrochen", sagte er vor TV-Kameras. Syrien und Libanon machte der Ex-General gleichermaßen für die erste Entführung von drei israelischen Soldaten von israelischem Territorium verantwortlich, und drohte mit massiver Vergeltung.

Kommentatoren sehen schwarz

Israelische Kommentatoren malten am Sonntag die Zukunft in düstersten Farben. Keiner von ihnen gab dem Friedensprozess noch eine Chance. "Es scheint, als wäre der Kreis der arabischen Feindseligkeiten um unser Land nie durchbrochen worden", schrieb der Doyen der israelischen Kommentatoren, Nachum Barnea, in "Jedioth Achronoth". Und "Maariv"-Kommentator Chemi Schalev meinte: "Viele unter uns glauben erneut, dass jeder gegen uns ist, dass der letzte Strohhalm gebrochen ist, dass alle Versuche vergeblich waren und nur noch die Gewalt bleibt."

Israel wartete vor Jom Kippur auf Jassir Arafat. Würde der 71- jährige, der sich seit dem Ende des Nahost-Gipfels von Camp David völlig unversöhnlich gegeben hat, nachgeben und seine bewaffneten Fatah-Kämpfer aus der Frontlinie gegen die israelischen Truppen zurückziehen? Sie waren es, die seit Ende September mit ihren Maschinenpistolen und Schnellfeuerwaffen die Straßenschlachten in den besetzten Gebieten eskalieren und zu den blutigen Ausschreitungen werden ließen, die Israel einmal mehr an den internationalen Pranger brachten.

Arafat weist Verantwortung für ein mögliches Scheitern des Friedensprozesses von sich

Ministerpräsident Ehud Barak appellierte bereits am Samstagabend an alle Israelis, in der Stunde der Krise einig zu sein. "Wir befinden uns an der Schwelle einer neuen Realität im Staate Israel," sagte er im Fernsehen. "Es sieht so aus, als hätten wir keinen Partner für den Frieden." Doch "Partner" Arafat, seines Zeichens Friedens- Nobelpreisträger, schwieg erneut. Stattdessen ließ er seinen Informationsminister Jassir Abed Rabbo erklären: "Wenn der Friedensprozess sterben sollte, dann hat ihn Barak getötet".

Israelische Experten fürchten, Arafat sei nicht mehr Herr der Lage

Viele Experten in Israel bezweifelten in den vergangenen Tagen, dass Arafat wirklich hinter den an Selbstzerstörung grenzenden Angriffen seiner Fatah-Männer und palästinensischer Jugendlicher stand. Während Barak und seine Minister verkündeten, ein Wort des Palästinenserführers genüge, die Gewalt zu beenden, fürchteten sie, dass der Palästinenserführer nicht mehr Herr der Lage sei. Am Sonntag schien es, als ob Barak und die israelische Armeeführung Recht behalten sollten. Doch niemand wagte, vorherzusagen, ob die Waffenruhe wirklich halten wird.

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