Warum Aktien von Unternehmen aus der Region eine sinnvolle Ergänzung des Depots sein können
Im Lande bleiben

Goethe war gut, und berühmt sind seine Lebensweisheiten. "Willst Du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah", dichtete der Geheimrat seinerzeit in seinem Vierzeiler "Erinnerung". Doch sollten Anleger diesen Hinweis auch bei Aktienkäufen beherzigen?

HB DÜSSELDORF. "Es ist sicherlich eine sinnvolle Strategie, auf Werte zu setzen, die in der eigenen Region beheimatet sind", sagt Daniela Gebauer, Kapitalmarktexpertin beim Deutschen Aktieninstitut (DAI). Überlegung: Wer beispielsweise in Unterfranken wohnt und in den Würzburger Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer investiert, bleibt leichter über die Entwicklung des Unternehmens auf dem Laufenden als wenn er sein Geld in einen asiatischen Konkurrenten gesteckt hätte. Information ist ein wichtiges Gut und zahlt sich letztlich in besseren Anlageergebnissen aus.

Quellen für einen dauerhaften Nachrichtenstrom gibt es viele: Der Besuch der Hauptversammlung ist ohne weite Anreise möglich. Lokalzeitungen berichten in der Regel intensiv über die Gesellschaften ihres Verbreitungsgebiets. Verwandte, Freunde und Bekannte sind vielleicht sogar im Unternehmen beschäftigt. Als wahre Informationsfundgruben können sich auch Vereine, Kneipen und Stadtratssitzungen erweisen.

Dabei gilt es natürlich, die Insiderproblematik zu beachten: Wer kursbeeinflussende Neuigkeiten aus einem Unternehmen gesteckt bekommt, die noch nicht veröffentlicht sind, darf diese Kenntnis nicht zum eigenen Vorteil ausnutzen. Sonst macht er sich strafbar.

Die Vorteile in der Informationsbeschaffung sollten ohnehin nicht dazu verleiten, gleich Aktien des nächstbesten Nachbarunternehmens zu kaufen. "Am wichtigsten ist, dass sich ein Anleger intensiv mit einer Gesellschaft beschäftigt und versteht, womit das Unternehmen sein Geld verdient", sagt Peter Knacke, Wertpapierstratege im Privatkundengeschäft der Commerzbank. "Hält der Investor das Geschäftsmodell für aussichtsreich und fühlt sich bei einem regionalen Unternehmen einfach sicherer aufgehoben, ist so ein Investment nur zu empfehlen." Angenehmer Nebeneffekt: Über Wechselkursschwankungen braucht sich der Anleger bei regionalen Aktien häufig keine Gedanken zu machen: Bei den meisten Unternehmen in der Nachbarschaft handelt es sich um Mittelständlern, die ihr Auslandsgeschäft vor allem im Euroraum machen. Ein schwächerer Dollar interessiert höchstens bei Werten, die zum großen Teil nach Übersee liefern oder dort einkaufen.

Beobachtungen aus dem eigenen Umfeld können auch wichtige Hinweise darauf liefern, wann der Zeitpunkt gekommen ist, sich von einem Papier wieder zu trennen. "Ich habe selber mal im eigenen Wohnort mitbekommen, wie der Vorstandschef eines Unternehmens sein komplettes Privathaus ein paar Meter nach rechts versetzen ließ, weil dort die Aussicht besser war. Das deutet vielleicht auch auf einen gewissen Verlust der Bodenhaftung bei der Unternehmensführung hin", sagt ein Kundenberater einer Bank, der ungenannt bleiben will.

Allerdings weisen Experten auf die generelle Gefahr eines Informationsüberflusses hin: "Es ist fraglich, ob ich die Fülle an Unternehmensnachrichten auch richtig einordnen kann", sagt Matthias Jansen, Sprecher der Fondsgesellschaft DIT. "Ist das, worüber die Leute abends in der Kneipe reden, wirklich relevant für die Aktie?" Zudem besteht die Gefahr, dass Anleger ihre Fähigkeiten bei heimischen Aktien überschätzen. "Untersuchungen zeigen, dass Anleger sich bei heimischen Aktien für kompetenter halten, als sie in Wirklichkeit sind", schreiben die Wissenschaftler Dirk Schiereck und Martin Weber in einer Studie zum Anlegerverhalten. Eine gesunde Portion Skepsis gegenüber den eigenen Fähigkeiten ist hilfreich.

Besonders geeignet für ein Investment unter lokalen Gesichtspunkten sind Aktien von kleinen bis mittelgroßen Unternehmen. "Solche Gesellschaften sind vor Ort besser zu beurteilen als globale Großkonzerne," sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Außerdem lässt sich hier vielleicht noch so manche Börsen-Perle entdecken, die in der großen weiten Anlegerwelt bisher noch unentdeckt geblieben ist. "Allerdings sollte niemand glauben, dass Unternehmen aus der Nachbarschaft sich von globalen Konjunkturtrends abkoppeln können."

Fachleute betonen ohnehin, dass Anleger weltweite Aspekte beachten sollen. Regionale Aktien seien nur als Beimischung interessant. "Entscheidend für den Erfolg ist eine weltweite Risikostreuung", sagt Professor Schiereck von der Universität Witten-Herdecke. Grundidee dabei: Da sich Volkswirtschaften und Börsen in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich entwickeln, kann der Wertrückgang in einer Region durch den Wertzuwachs in einer anderen Region kompensiert werden (siehe dazu auch Seite 2). "Da es teilweise recht schwierig ist, verlässliche Informationen über ausländische Konzerne zu erhalten, bietet es sich an, über Fonds und Zertifikate auf ganze Börsenindizes zu setzen", sagt Professor Weber. Wer nur Aktien aus der eigenen Region kauft, gehe das Risiko ein, bei einer Konjunkturflaute im Heimatland voll unter die Räder zu geraten.

Fazit: Lokal-Aktien können eine gute Ergänzung des Portfolios sein. Eine weltweite Streuung der Anlage sollte aber nicht vernachlässigt werden.

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