Warum Britta Steilmann das Familienunternehmen so überraschend verlassen hat
Steilmann: Bittere chinesische Medizin

Britta Steilmann, 37, hat einen chinesischen Lieblingsspruch: "Wenn du ein Problem nicht lösen kannst, löse dich von dem Problem." Deshalb räumt sie ihren Platz im Unternehmen - zum zweiten Mal innerhalb von nur vier Jahren. Das sei so geplant gewesen, hieß es dazu letzte Woche offiziell. Doch das stimmt nicht.

Wenige Tage nach der dürren Mitteilung sitzt sie zwischen den Steilmann-Showrooms am Konferenztisch im Gegenlicht. Einer Firma kann man kündigen - seiner Familie nicht. Deshalb quält sich die Frau deutlich nicht nur vor, sondern auch nach ihrer Entscheidung. Man spürt ihre Erschöpfung, gegen die sie raucht, Kaffee schluckt, redet. Sie hat noch längst nicht losgelassen. Die Modemesse CPD der Igedo am Wochenende in Düsseldorf macht sie noch mit: "Ich will, dass sie gut läuft."

Ihr mit Anglizismen durchsetztes Marketing-Stakkato klingt klug, für Firmen- und Familienmitglieder aber vielleicht oft so fremd wie Chinesisch. Die fernöstlichen Marktmacher sind ihr nah: "Gehen Sie nur mal nach Schanghai. Die brennen. Die sind auf dem Sprung."

Und zwar nach Wattenscheid. Verträge liegen auf dem Tisch, wie eine Unternehmenssprecherin bestätigt: "Ja, es gibt Verträge. Die gehen hin und her. Schon seit Monaten. Es ist noch nichts entschieden." Britta Steilmann sagt: "Das ist für unser Unternehmen die bisher weitreichendste und wichtigste Entscheidung", und fügt hinzu: "Man darf keine Angst haben."

"Ist sicher nicht leicht, wenn man die Hälfte seines Unternehmens abgeben soll."

Damit könnte die Firmengeschichte eines der bedeutendsten deutschen Textilunternehmen eine scharfe Wendung nehmen. Der Unternehmer Klaus Steilmann, der Patriarch, der Wirtschaftswundermann, der fußballverrückte Wattenscheid-09-Sponsor, soll nicht sein Gesicht verlieren, sagen gute, alte Freunde aus der Branche. Einer meint gar: "Ist sicher nicht leicht, wenn man die Hälfte seines Unternehmens abgeben soll."

Steilmann, heute 74, hat bei C&A gelernt, das Abitur nachgeholt und 1958 für 40 000 Mark eine Textilklitsche in Wattenscheid gekauft. Damit wuchs er zu Europas größtem Konfektionär. 1999 hat er sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, wirkt aber heute noch als Mitglied des Beirats, außerdem ist er Miteigentümer der Firma.

Dallas im Kohlenpott

Seine Älteste ist für Steilmann eher wie der Sohn unter den Töchtern. Schon ihr erster Abgang 1999 hatte ihn tief getroffen, vor allem, dass Magazine in der Familiengeschichte eine Art Dallas im Kohlenpott sehen wollten. Es ist bekannt, dass die Kronprinzessin mit dem Konfektions-König oft über Kreuz lag: "Wir sind zu verschieden. In der Art der Kommunikation", sagt sie. Für Britta bleibt der Vater "eine Riesenpersönlichkeit, ein Patriarch, aber eher vom Unternehmen als von der Familie".

Sie wollte nun offensichtlich eine schnelle Entscheidung. "Wir haben heute in Zeiten des Internets weltweit keinen Vorsprung mehr. Deshalb muss man auch mal radikale Entschlüsse fassen können." Ihre Stimme wird strenger: "Jetzt müssen Gesellschafter und der Beirat entscheiden."

Britta Steilmann hat gemerkt, dass sie ihre hoch gesteckten Ziele nicht erreichen konnte. "2003 geht es aufwärts", klang sie noch im letzten Jahr optimistisch. Doch für dieses Jahr räumt sie Umsatzverluste ein, die wohl wieder hart am zweistelligen Bereich entlangschrammen werden. Und eine angepeilte Rendite von drei bis fünf Prozent werde wohl frühestens in ein, zwei Jahren zu erzielen sein.

Umsatzmillionen schrumpfen

"Mode für Millionen, nicht für Millionäre", das ist das Motto der Modemacher in Wattenscheid. Doch die Umsatzmillionen schrumpfen, von einstmals umgerechnet 900 auf zuletzt 507 Millionen Euro.

Steilmann macht Mode für Großkunden wie Peek & Cloppenburg, Karstadt/Quelle oder Marks & Spencer, ohne dass "Steilmann" im Etikett auftaucht. 13 Prozent des Umsatzes wird mit Discountern wie Aldi, Lidl und Tchibo gemacht - Tendenz steigend. "Das sind hohe Stückzahlen, aber niedrigere Spannen." Umsatz bringen soll auch das neue Factory-Outlet, das am 4. August auf 1 600 Quadratmetern in einem ehemaligen Bochumer Baumarkt eröffnet wird.

Anders als die weltgewandte Juniorchefin sieht man in der vom Konzernumbau und Personalabbau gebeutelten Rest-Belegschaft hinterm Wattenscheider Bahndamm in einer Partnerschaft mit Chinesen keinen Gewinn, sondern befürchtet Verluste von Arbeitsplätzen und-bereichen. "Dort geht die Angst um", meint ein Brancheninsider. Seit Tochter Britta an der Spitze ist, wurden bei Steilmann in Deutschland rund 600, weltweit etwa 1 200 Arbeitsplätze abgebaut. Heute arbeiten 11 600 Beschäftigte in der Steilmann-Gruppe, hier zu Lande sind es noch 1 900.

Und jetzt also die Chinesen?

Und jetzt also die Chinesen? "Die Verträge sind unterschriftsreif, mit einem einflussreichen strategischen Partner, einem erfahrenen Global Player. Aus Hongkong", kommentiert Britta Steilmann Insidergerüchte, die inzwischen dampfen wie Chop-Suey in der Garküche. Mit wie viel Prozent? Als gleichberechtigter Partner? Oder nur als verlängerte Werkbank? Darauf gibt es keine konkreten Antworten. Von einer Neuordnung der Beschaffungsstrukturen ist wolkig die Rede. Dabei soll es um mehr gehen als Produktionsverlagerungen. Bei Steilmann werden schon heute gerade mal 1,7 Prozent im Lande gefertigt, in Wattenscheid gibt es nur noch eine Musternäherei.

Experten glauben, dass eine Partnerschaft mit Chinesen heute keine bloße Auftragserteilung mehr sein kann. "Die Chinesen haben im Moment sehr viel Kapital. Das wollen sie investieren. Vor allem in Deutschland", weiß Hermann Fuchslocher, Unternehmensberater in Düsseldorf.

Und Britta Steilmann? Sie erzählt von ihrer eigenen Beratungsfirma, die BSSD Britta Steilmann Sustainable Development in Ratingen. Und dass sie viele Anfragen habe von Firmen mit Familienproblemen. Da kennt sie sich aus.

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