Warum das Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hochpolitisch ist
Rudi geht, Gerhard bleibt

Der Kanzler hat es schwer: Erst verstehen die Wähler die notwendige Reformpolitik nicht. Dann erkrankt mit Peter Struck ausgerechnet einer der beliebtesten Minister. Und am Mittwoch verpasst Gerhard Schröder wegen einer verspäteten Landung auf dem Flughafen Tegel auch noch einen Teil der ersten Halbzeit des Spiels Deutschland gegen Tschechien. Und zu allem Überdruss verliert die deutsche Elf auch noch. Nix ist mit der erhofften guten Stimmung.

BERLIN. Als gestern zu guter Letzt auch noch Rudi Völler zurücktrat, wusste der Kanzler: Jetzt muss er wieder selbst ran. Und deshalb eilt er am Donnerstag kurz nach 14 Uhr energisch durch das Foyer des Kanzleramtes. Und während im Hintergrund durch die riesigen Glasscheiben dunkle Wolken sichtbar werden, spricht Schröder der Nation in die aufgereihten Kameras aufmunternde Worte zu. Quasi von nationalem Team-Chef zu nationalem Team-Chef lobt er Völler zum Abschied. Aber bevor jemand frech fragen kann, ob er den Rücktritt vielleicht gar als Vorbild sieht, fragt Schröder: "Worum geht es jetzt?" Und antwortet schnell: "um 2006". Dann sind die Deutschen (und er) nämlich Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft. Und bis dahin müsse eine Mannschaft aufgebaut werden, "die vorne mitmischt".

Das sage er "weniger hochoffiziell, sondern als Mensch, der an den Fußballsport denkt", fügt Schröder hinzu und schaut Vertrauen heischend in die Kameras. Aber alle wissen: Dem Kanzler geht es nicht nur um die gepeinigte deutsche Fußballseele. Kurz nach der Weltmeisterschaft stehen schließlich auch Bundestagswahlen an. Und weil es 2002 mit der Vizeweltmeisterschaft und der Wiederwahl so schön klappte, setzt zumindest der fußball-begeisterte Teil der rot-grünen Koalition auf eine Wiederholung. "Agenda 2006" statt "Agenda 2010".

Aber wer denkt, dass nur der Regierungschef die politische Brisanz des deutschen Ausscheidens erkannt hat, liegt falsch. Nein, gestern hat sich endlich auch Detlef Parr zu Wort gemeldet. Für alle, die ihn (noch) nicht kennen: Parr ist sportpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Und als solcher ließ er gestern mitteilen, dass "Fußball gnadenlos ist". Denn es zählten "nur der Erfolg und die Tor-Ergebnisse". Ob dies eine verkappte Kritik an der Regierungspolitik war, blieb unklar. Jedenfalls merkte sein Grünen-Kollegen Winfried Hermann an: "Es ist wie beim Pisa-Test: Andere Länder haben verstanden." Deutschland nicht.

Stimmt, denkt übrigens auch Bundesaußenminister und Fußballfan Joschka Fischer. Seit langem klagt er, das restriktive deutsche Einwanderungsgesetz sei schuld, dass kein frisches Blut in die Nationalmannschaft komme. "Schaut euch doch die Mannschaften Frankreichs, der Niederlande oder Schwedens an", mahnt er immer wieder. Und endlich fällt der Groschen: deutsches Ausscheiden, neues Einwanderungsgesetz ... die ganze Politik dreht sich um die "Agenda 2006".

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