Warum der Klub aus der Provinz souverän die Handball-Bundesliga anführt
Für Stadt und Vaterland

Fast alle Leistungsträger des deutschen Handball-Nationalteams spielen in Lemgo. Dank ihres neuen Trainers auch erfolgreich. Nur die Sponsoren kommen fast alle aus der Region.

MENDEN. Bundestrainer Heiner Brand könnte sich seine Arbeit sehr erleichtern. Immer fahndet er in der gesamten Bundesliga nach den besten Spielern und reist dafür landauf, landab. Doch um ein starkes Team aufzustellen, könnte er sich mit einer kurzen Fahrt vom heimatlichen Gummersbach nach Ostwestfalen begnügen. Dort fände er den TBV Lemgo vor, der sechs Nationalspieler aufbietet.

Vor Torwart Christian Ramota wirbeln der ehemalige Welthandballer des Jahres Daniel Stephan, Regisseur Markus Baur, am Kreis der kräftige Christian Schwarzer, ganz rechts Florian Kehrmann und obendrein der riesige Linkshänder Volker Zerbe - und alle mit Vertrag bis mindestens 2005. Weil man zu dem Lemgoer Sextett nur noch einen Linksaußen wie etwa den Magdeburger Stefan Kretzschmar braucht, um eine schlagkräftige Nationalmannschaft zu stellen, hat der Verein in der Szene einen neuen Namen bekommen: TBV Deutschland. Stephan und Kollegen holten im Februar mit einigen Helfern bei der EM Silber - als Klub legten sie im Frühjahr den Pokal nach und machen sich nun daran, zum zweiten Mal nach 1997 deutscher Meister zu werden.

Sie spielten bisher außerordentlich. So schnell, dass sie die Konkurrenz meist überforderten. Das gnadenlose Tempo als Taktik. "So eine schnelle Mitte hat noch keiner in der Bundesliga gespielt", sagt Trainer Volker Mudrow. Manchmal kassieren Gegner wie Willstätt und Pfullingen über 40 Tore. Das entspricht etwa einem halben Dutzend Gegentore im Fußball.

Der 33-jährige Mudrow führte Lemgo in dreizehn Liga-Spielen zu dreizehn Siegen und durchschnittlich 35 Treffern pro Partie. Zugetraut hätte ihm das zuvor kaum jemand. Bisher hatte Mudrow, selbst Ex-Nationalspieler, lediglich Hameln in den Abstieg begleitet. Aber den ersten richtigen Job als Übungsleiter nutzte er, um auf Anhieb Maßstäbe zu setzen.

Eigentlich hatte man das von Lemgo schon ein Jahr zuvor erwartet. Denn im Sommer 2001 kaufte man groß ein, nutzte den Heimtrieb des zuvor beim FC Barcelona beschäftigten Christian Schwarzer und lockte, begünstigt durch die guten Kontakte der bereist engagierten Nationalspieler, auch Christian Ramota (Großwallstadt) und Markus Baur (Wetzlar) ins Lipperland. Doch nach gutem Liga-Start ging den Stars auf der Zielgeraden die Puste aus - da hatte Trainer Zbigniew Tluczynski trotz Pokalsieg längst seinen Platz räumen müssen. Ausgerechnet der Novize Mudrow schafft, was seinem Vorgänger misslang: mit feinen Worten das Potenzial des Weltklasse-Ensembles freilegen. "Volker ist nicht der große Guru, der die Keule schwingt", sagt Baur über seinen Trainer. "Der hat einen Plan im Kopf, den er durchzieht."

Bisher geschieht das so unwiderstehlich, dass die Ostwestfalen bereits in andere Sphären gehoben und zum Titel geschrieben werden. "Understatement", sagt Manager Fynn Holpert, "will hier zwar keiner hören, aber wir sollten den Augenblick genießen." Denn das Spiel des TBV sieht sehr leicht aus, kostet jedoch viel Substanz. Und die zentralen Spieler sind nicht nur im Verein sondern auch in der Nationalmannschaft meist 60 Minuten lang gefordert. Zudem steht Ende Januar die WM in Portugal an. "Mal sehen, ob das kräftemäßig hinhaut", warnt Stephan mit Blick auf die Rivalen Flensburg und Magdeburg. "Einen Durchmarsch wird es von uns jedenfalls nicht geben."

Doch vom sportlichen Erfolg lebt der Manager Holpert. 1997 stand er noch im Tor des Meisterteams. Mittlerweile bastelt der 35-Jährige am wirtschaftlichen Korsett des Klubs. "Das Attribut TBV Deutschland hilft uns auch im Marketing", sagt der Manager. Der Klub aus der Provinz gilt nicht nur als erfolgreicher Bundesligist - er profitiert auch von Erfolgen der nationalen Auswahl. In größeren Sponsoring-Engagements hat sich das aber noch nicht niedergeschlagen. Das Gros des auf 3,5 Millionen Euro geschätzten Etats stemmen neben dem Hauptsponsor Herforder Brauerei vor allem Itelligence, Koralle, Schüco, Burgwächter, BSS, die Lippische Brandschutz sowie die regionale Sparkasse mit jeweils bis zu 300 000 Euro. 90 Prozent der Geldgeber kommen zurzeit aus dem näheren Umfeld. "Wir finden vor allem im Ostwestfälischen statt", sagt Holpert. "Die Region ist noch reich genug, um so eine Mannschaft zu tragen."

Schwierig gestaltet sich jedoch das Wachstum der Heimstätte. "Wir brauchen eine größere Halle", sagt Holpert. 2 749 Dauerkarten verkaufte Lemgo für diese Spielzeit - Rekord, aber nur ein Bruchteil des Aufkommens von Branchenführer THW Kiel, der immer vor 10 250 Zuschauern aufspielt.

An der FH-Lemgo ließ Holpert schon einen Wettbewerb ausschreiben, wie die Lipperlandhalle mit ihren 3711 Plätzen auf ein 5200 Zuschauer fassendes Kultur- und Kongresszentrum zu erweitern ist. Konkurrenten wie Gummersbach treten in gigantischen Arenen an und locken große Sponsoren, doch Holpert hat "keine Angst, wettbewerbsfähig zu bleiben. Hinter uns steht eine ganze Region."

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