Warum der Respekt vor der Politik sinkt
Der Versager-Komplex

Mit der Finanzkrise an den Weltbörsen wird der Ton zwischen Wirtschaft und Politik laut und aggressiv. Manager und Politiker halten sich wechselseitig für Versager. Das ist kein gutes Omen. Der aus den Fugen geratene Diskurs verrät immerhin etwas über die neuen Machtverhältnisse im Land: Die Politik ist wieder da.
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Heute schon über die Politik geschimpft? Bereits den Häme-Kübel über die Jammerlappen-Politiker ausgegossen? Über die Berliner Bande aus unfähigen Reformblockierern und führungsschwachen Nichtstuern?

Nein? Dann gehören Sie nicht zur deutschen Wirtschaftselite. Denn dort fügt sich das tägliche Gibs-Ihnen zur Selbstsignatur wie Power Point und Palm. Mit einer Mischung aus Empörung und Herablassung schwadronieren die Manager über die politische Klasse, als handele es sich um heruntergekommene Straßenjunkies der Droge Macht.

Nun macht diese Bundesregierung wahrlich keinen guten Job, Deutschland schleppt sich in einem traurigen Zustand umher, und die Kritik der reinen Unvernunft ist ein Kinderspiel. Doch der Graben, der jetzt aufbricht zwischen den Führungsfiguren der Wirtschaft und denen der Politik, klafft tief. Es vollzieht sich die offene Des-Integration unserer Eliten.

Gewiss ist Politik seit jeher eine Bühne, auf der die Souffleure lauter sprechen als die Darsteller. Inzwischen filibustert man aber in Flughafenlounges und Spesenlokalen, ob die Demokratie denn wirklich die beste aller Staatsformen sei. Am liebsten würde man unter allseitigem Applaus im Airport-Lautsprecher verkünden: "16.20 Uhr der Flug nach München. 16.30 Uhr die Entlassung des Bundestags."

Die Kritik an der Schwäche des Politischen wirkt wie ein Schutzschild vor der Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit. Aktien unten, Arbeitsplatz weg, Kinder dumm, Milch sauer? Die Politik ist immer schuld. Die Politiker mutieren zu Sündenböcken einer verunsicherten Gesellschaft. Wie wandelnde Projektionsflächen der kollektiven Defizite werden sie betrachtet und behandelt. Nämlich schäbig. Und so kommt es im öffentlichen Diskurs wie in der Grammatik. Ein Fehler, den alle begehen, wird schließlich als Regel anerkannt.

Wenn das Volk die Politiker beschimpft, will es die Aufmerksamkeit für seine Probleme. Wenn die Eliten die Politiker beschimpfen, dann lenken sie gerne ab vom eigenen Versagen. Wie schnell der Mut manches Konzernkapitäns dahinschwindet, kann jeder Journalist erproben, wenn er ihn um öffentliche Stellungnahmen bittet. Da werden harte Vorstandsvorsitzende entweder schweigsam oder zu weichen Politiker-Epigonen; sie wägen die Wirkung ihrer Worte so lange ab, bis sie in kleinen Adverbien ersticken. Die Vehemenz der Kritik an der Politik steht im krassen Missverhältnis zur eigenen Feigheit.

Wenn es Deutschland schlecht geht, haben dann nicht die Führungskräfte des Unpolitischen die Verantwortung, von sich aus das Ruder herumzureißen? Sieht man sie aber leidenschaftlich für die Res Publica unterwegs? Lassen sie sich in Parteien und Parlamente wählen? Haben sie einen Funken Herrhausen oder Rosenthal in sich? Haben die Unternehmer endlich den Mut, selber gegen ihre Betriebsräte und die Gewerkschaften aufzustehen? Haben ein Gottlieb Daimler oder ein Werner von Siemens auf eine Regierung, auf irgendeine Steuerreform gewartet, um ein Lebenswerk zu schaffen? Nur Schwache brauchen die Politik als Ausrede.

Politiker sind duldsames Gemeingut der öffentlichen Kritik. Sie müssen sich von allen jede Frechheit gefallen lassen und obendrein noch freundlich sein. Jeder darf über jeden Politiker alles sagen. Bloß nicht umgekehrt. Da erwartet man Political Correctness bis zur Selbstverleugnung. Und am Ende kritisieren genau das dann wieder gelangweilte Intellektuelle - dass sie so abgeschliffen und mutlos seien.

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