Warum deutsche Eisschnellläuferinnen unheimlich spannend sind
Eine Frage der Positionierung

Anni Friesinger und Claudia Pechstein mögen sich nicht. Die Nation weiß das, und sie weiß auch, dass sich derlei Gezicke auszahlt. Andere Läuferinnen versuchen es mit intellektuellen Mitteln.

DÜSSELDORF. In jener seligen Ära, in der noch eine gewisse Gunda Niemann-Stirnemann die deutsche Eisschnelllaufszene dominierte, ging es um Sport - um möglichst schnelle Zeiten eben. Als dann der Boulevard das Zickenduell inklusive Busenneid erfand, verschoben sich die Prioritäten. Gewaltig sogar, denn sie rutschten tief ins Dekolleté der Protagonistinnen. Es kann daher nicht besonders überraschen, dass Torben aus Stockholm eine unheimlich unter den Nägeln oder anderswo brennende Frage hat: "Kennt jemand von euch Annis BH-Größe?"

Nicht nur dieser Eintrag auf der Homepage der Anni Friesinger ist von eher schlichtem Niveau. Im vergangenen Olympia-Winter hat sie sich vor allem mit Unterstützung von "Bild" und "Max" einen Ruf erworben, der an Ein- und Zweideutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Ein paar Filmstarallüren passen da gut ins Bild: Sie nennt sich im Internet "die Friesinger", es gibt eine "anni-the-greatest"-Mailadresse und ihre sportliche Chronik ist mit dem Titel "Was bisher geschah" überschrieben. Ganz schön spannend.

Etwas weniger dick aufgetragen wird bei der Kollegin Claudia Pechstein. Die war zwar laut Statistik im vergangenen Winter mit knapp 14 Stunden im Fernsehen noch länger auf dem Bildschirm präsent als Friesinger, doch die frivole und flache Schiene überlässt die Berlinerin der ungeliebten Kontrahentin. Daran konnte auch ihr eisiges Gleitduell mit TV-Star Stefan Raab nichts ändern. Pechsteins Sponsorenverträge (am Mittwoch soll ein weiterer fixiert und publik werden) haben sich in der Dotierung vervielfacht und sollen insgesamt angeblich die Millionengrenze überschritten haben.

Dass die vierfache Olympiasiegerin vor allem deshalb als Werbefigur an Attraktivität gewonnen hat, weil sie geschickt als Gegenpart Friesingers positioniert wurde, mag ihr Manager Ralf Grengel so nicht stehen lassen. "Sicher war das wichtig für den Bekanntheitsgrad. Aber man darf nicht vergessen, dass sie die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin aller Zeiten ist."

Dem Managerkollegen Klaus Kärcher, der Friesinger vertritt, bleibt da nichts anderes, als auf andere Vorzüge seiner Klientin hinzuweisen. "Anni ist als Typ ein Juwel und nicht mit Claudia vergleichbar", sieht er sich bei der Vermarktung nicht mit Grengel in die Quere kommen. Denn: "Anni hat eine andere Herkunft, und außerdem treffen da fast zwei Generationen aufeinander." Die beiden Kufensportlerinnen trennen fünf Jahre.

Während sich Pechstein unlängst auf einen Vier-Jahreskontrakt mit Audi einigte, schloss Friesinger einen ebenso langen Vertrag mit Lancia ab. Rund zwei Millionen Euro soll sie dafür kassieren. Der Autobauer ist fortan doppelt auf dem Rennanzug der Bayerin vertreten. "Linkes Bein und Kopf Mitte", erklärt Kärchers Mitarbeiter Jochen Habermaier. Und der Deutsche Herold hat sich - auch nicht schlecht - "auf Annis linker Brust" verewigt.

Neben der üppigen Bezahlung waren der Sportlerin die üblichen Schlagzeilen ("Lancia fährt auf Annis Kurven ab") gewiss. Kärcher steht auf alles Offenherzige, mag aber - ungewohnt zugeknöpft - nicht die Summe für das Geschäft bestätigen. Grengel hält sich in dieser Hinsicht ohnehin zurück, kann sich aber einen Seitenhieb nicht verkneifen: "Beim Herrn Kärcher ist jeder Vertrag ein Millionenvertrag."

Eher in Verzicht üben müssen sich andere Eisschnellläuferinnen. Monique Garbrecht-Enfeldt, olympische Silbermedaillengewinnerin, gehört dazu. Sie lässt sich vom Ehemann managen und verschickt rührige Pressemappen. Sie trotzt den Gesetzen des Marktes, ihrem Alter und dem Doppelnamen, indem sie auf eher intellektuelle Qualitäten setzt. "Sie wird die Wirtschaft überzeugen", glaubt Magnus Enfeldt. Bei der Daimler-Chrysler-Bank ist dies offenbar gelungen, fürs Mitarbeitermagazin schreibt sie Kolumnen.

Auch vor der Berliner Industrie- und Handelskammer redete Garbrecht-Enfeldt schon. "In Zeiten, in denen es wenig Spielraum für klassische Mittel der Mitarbeitermotivation gibt, könnten wir Sportler eine neue Aufgabe finden", referierte sie. "Wir sind schließlich nicht nur getunte Sportmaschinen, sondern Persönlichkeiten, die Besonderes geleistet haben. Die wissen, wie sie es zustandegebracht haben und können das auch vermitteln."

Kärcher sieht?s nüchterner. Sein einfaches Credo: "In der Werbung geht es um Ästhetik." Sieht Torben auch so.

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