Warum die CSU in Bayern unbesiegbar ist
Der Himmel weißblau, die Luft tiefschwarz

Die erste Dame des Staates, protokollarisch gesehen, kneift die rot geschminkten Lippen zusammen. Susanne Kastner, Vizepräsidentin des Bundestags, ist nach Niederbayern gekommen, gehüllt in eine Wolke aus Parfüm. Ziel der Reise ist, dem Straubinger SPD-Landtagskandidaten Fritz Fuchs im Wahlkampf zu helfen. Fuchs hat für sie eine Betriebsbesichtigung organisiert bei einem Autozulieferer mit knapp 700 Mitarbeitern.

STRAUBING. Und jetzt muss sich Frau Kastner furchtbar ärgern: Am Werkstor kein Empfangskomitee weit und breit, nur eine gleichmütige Pförtnerin, die sich ihren Namen buchstabieren lässt und dann auch noch darauf besteht, dass Frau Kastner Sicherheitsschuhe anzieht, bevor sie die Fabrik betritt. "Ich ziehe keine Sicherheitsschuhe an", sagt Frau Kastner schrill. Und dann seufzt sie leise: "So was gibt es nur in Bayern."

Die SPD hat es schwer im Freistaat, schwerer als je zuvor: Am 21. September werden nach den letzten Umfragen nur 22 Prozent rot wählen - so wenig wie noch nie seit Kriegsende. Doch nirgends hat es die SPD schwerer als in dem Wahlkreis, in dem Fritz Fuchs kandidiert: Straubing-Bogen ist der schwärzeste Wahlkreis Deutschlands. Bei der Bundestagswahl 2002 kam die CSU hier in dem etwas anders zugeschnittenen Kreis Straubing-Regen fast auf eine Dreiviertelmehrheit; 72 Prozent Zweit-, fast 75 Prozent Erststimmen.

Vom einstigen Führer der Bayernpartei, Josef Baumgartner, ist der Ausspruch überliefert, dass die CSU in Straubing auch einen Brauereiochsen aufstellen könne. Er werde immer noch gewählt. Die Bayernpartei war die einzige Partei, vor der die CSU in Bayern jemals Angst haben musste. Das war in den 50er-Jahren, und die CSU hat die Sache damals schnell in den Griff bekommen, mit ziemlich zweifelhaften Methoden. Seitdem ist die Partei in Bayern gleichsam die für Politik zuständige gesellschaftliche Organisation - so wie der Sportverein für den Sport und das Rote Kreuz für die erste Hilfe zuständig ist.

Und wenn einer meint, ohne diesen Verein Politik machen zu wollen in Bayern, dann kann er das tun. Aber er ist dann halt, so wie Fritz Fuchs in diesen Tagen, ziemlich alleine.

Direktkandidat der CSU in Straubing ist ein melancholisch dreinblickender älterer Herrn namens Herbert Ettengruber, über den niemand etwas Schlechtes sagt. Bei der CSU-Kreisversammlung in Geiselhöring sitzt Ettengruber still auf der Kandidatenbank, während ein kleiner, untersetzter Mann in einem braungrauen Anzug durch die Reihen läuft. Der Mann sieht ein bisschen aus wie der Schauspieler Danny De Vito, nur in weißhaarig: Seine kurzen, dicken Arme sind ständig in Bewegung, um all die Hände zu schütteln, die ihm entgegengestreckt werden. Er heißt Ernst Hinsken, und er ist Personifikation und Ursache zugleich für den spektakulären Erfolg der CSU in dieser Region.

Der neobarocke Festsaal im Geiselhöringer Hof ist mit künstlichem Tannengrün und weißblauen Bändern geschmückt. An den Tischreihen sitzen knapp 200 Menschen, alte Männer in Strickjacken, stämmige Landjugend und Jungunternehmer in beigefarbenen Halbarmhemden und Krawatte. "Ernst!" rufen sie, "Ernst, servus!" Einer älteren Dame mit gepflegtem Halstuch gratuliert Hinsken zum Geburtstag, nachträglich. "Hast net kommen können?" fragt diese. Leider, leider, antwortet er und vernuschelt den Grund dafür. Aber später, auf dem Podium, wird er ihr nochmals gratulieren, und er wird wissen, wie sie heißt und wie alt sie geworden ist.

Ernst Hinsken ist Kreisvorsitzender, stellvertretender Bezirksvorsitzender und sitzt für den Wahlkreis Straubing-Regen seit fast 23 Jahren im Bundestag. Straubing liegt im Gäuboden, einer fruchtbaren Ebene, wo die Zuckerrübe gedeiht und dank der von der CSU rege unterstützten EU-Zuckermarktordnung ordentlich Gewinn abwirft.

Die reichen Bauern aus dem Gäuboden holten früher ihre Dienstboten aus dem anderen Teil des Wahlkreises, aus Bogen, Zwiesel oder Regen. Dort, im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze, waren die Böden karg und die Menschen arm. Vor 30 Jahren musste im Winter hier jeder Dritte stempeln gehen, und es gab keine ordentlichen Straßen in die engen Täler in der Grenzregion.

Dann kam Hinsken und sorgte für die Straßen. Und es kam BMW und baute Werke in Dingolfing und Regensburg, Zulieferbetriebe ließen sich in der Gegend nieder und brachten die Leute in Lohn und Brot. Heute liegt die Arbeitslosigkeit bei sechs Prozent. Den meisten geht es gut. Und wenn die CSU sagt, das sei ihr Verdienst, dann widerspricht hier in der Regel niemand.

Ernst Hinsken ist Bäckermeister von Beruf. In seinem Heimatort Haibach lässt er Lebkuchen backen, die er zu Weihnachten im politischen Berlin verschenkt. Er ist in Plattling geboren, und trotz seines westfälischen Namens - seinen Vater hatte es einst aus dem Münsterland ins Niederbayerische verschlagen - ist er einer von hier. Jeder kennt ihn, fast jeder steht in seiner Schuld. "Wir haben ein gutes Netzwerk", sagt Stefan Freiherr von Poschinger, dessen Familie seit 1568 in Frauenau eine Glashütte betreibt, "nicht weil wir Amigos sind, sondern weil man so eben etwas bewirken kann."

Es gibt in Hinskens schwarzem Reich durchaus rot regierte Inseln, vor allem in den Glashüttenorten im Wald, wo es eine verwurzelte Arbeiter- und Gewerkschaftstradition gibt. "Betriebsunfälle" seien das, sagt Hinsken: Da sei immer der lokale CSU-Ortsverein schuld, weil er zerstritten sei oder einen unpopulären Kandidaten aufgestellt habe. Das müsse er, der Kreisvorsitzende, dann halt ändern, und dann passiere so was auch nicht, dass man eine Wahl verliere gegen die Roten.

Der größte Betriebsunfall aus Hinskens Sicht ist jedoch die Kreisstadt Straubing selbst: Dort regiert seit 1990 ein roter Oberbürgermeister. "Als ich angetreten bin", sagt Reinhold Perlak, "hat halb Straubing gesagt, der kann nicht gewinnen. Und dann bin ich?s doch geworden, ich weiß bis heute nicht wie." Die CSU habe damals einen schwachen Kandidaten aufgestellt, und er sei halt beliebt im Ort. Auf kommunaler Ebene gehe es ohnehin mehr um die Persönlichkeit als um das Parteibuch. "Wenn die Leute einen kennen, wird man auch als Unabhängiger gewählt" - oder sogar als Sozialdemokrat. Jetzt als Bürgermeister habe er auch kein Problem mehr, öffentlich wahrgenommen zu werden. "Als ich noch kein Amt hatte, hatte ich oft den Eindruck, ich werde geschnitten. Aber jetzt nicht mehr."

Fritz Fuchs, der Landtagskandidat, hat kein Amt. Perlak kann ihm da nicht helfen. "Die Kandidaten müssen sich schon selber profilieren", sagt er und streicht sich bedächtig über den silbergrauen Bart. Vor den letzten Wahlen sei er bei einer Veranstaltung aufgetreten für den damaligen SPD-Kandidaten. "Danach ist einer gekommen und hat gesagt: ,Schee hast g?redt. Aber helfen wird euch das gar nix: Schau her, i bin der Feuerwehrkommandant. Da drüben sitzt der Sepp, der ist Vorsitzender vom Fußballverein. Und der da ist der Franz, der ist Vorsitzender vom Schützenverein. Und mir wähl?ma alle CSU.?"

Die Vereine sind der stärkste Trumpf der CSU. Sie sind der Transmissionsriemen zwischen Partei und Bevölkerung. Zurzeit werden die freiwilligen Feuerwehren alle 125 Jahre alt und feiern ihre Jubiläen mit Bierzelten und Blaskapellen, und die Sportvereine werden 75 und die Rot-Kreuz-Gruppen 50. Bierzelte gibt es im Sommer immer in ausreichender Zahl. Bundestagsabgeordneter, Landrat, Landtagsabgeordneter, Bezirkstagsabgeordneter - die Ehrengäste, meist alle von der CSU, ziehen mit Musik ein ins Zelt, dann gibt es Grußworte, einen Festgottesdienst mit oder ohne Fahnenweihe und anschließend genügend Zeit zum Händeschütteln, Biertrinken und Diskutieren mit den Leuten.

Hätte die SPD einen Mandatsträger, dann wäre er vermutlich eingeladen, da sind die Vereine gar nicht so. Aber sie hat eben keinen. Und selbst wenn Fritz Fuchs eingeladen wäre - er ist ganz allein. Die CSU kann dagegen ohne Ende Abgeordnete, Staatssekretäre und Minister in die Zelte schicken, Wochenende für Wochenende. Deshalb sind es immer nur die CSUler, die von Biertisch zu Biertisch gehen und von den Leuten hören, was sie gerne hätten und was sie stört. Und ihnen Abhilfe versprechen. Und dieses Versprechen auch häufig halten können, weil man in München hört, was in Straubing gesagt wird.

Fragt man Fritz Fuchs selber, wer schuld ist an der Misere der SPD, muss er nicht lange nachdenken: "Haben Sie schon mit dem Doktor Balle g?redt?" fragt er. Hermann Balle ist Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger, und er ist vor allem Herausgeber und Verleger der alles beherrschenden Lokalzeitung, des "Straubinger Tagblatts". "Fünf bis zehn Prozent" koste die SPD bei jeder Wahl die Berichterstattung des "Strau?ma Dogbladls", sagt Fuchs.

Da grinst der Doktor Balle geschmeichelt, als er das hört. Aber die Sozialdemokraten benachteiligen, davon könne keine Rede sein. Die CSU beschwere sich doch auch ständig, wenn das Foto von der Kundgebung auf dem Theresienplatz ein wenig zu klein geraten sei. Natürlich, man sei eine katholische Zeitung, und man sei der Region verpflichtet. Hier gebe es halt keine Arbeiterschaft, und die, die heute Arbeiter seien, seien im Herzen und Nebenberuf immer noch, was ihre Väter waren - Landwirte. Und damit treue CSUler. So sei er eben, der Leser, sagt Balle und lächelt verbindlich. Und dann zeigt er dem Reporter die wahrscheinlich einzige Redaktions-Hauskapelle Deutschlands. Sie liegt direkt neben der Politikredaktion.

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