Warum die Latinos für die Wahl so wichtig sind
Amerikas Reserve-Armee

Es ist einer jener Tage, an dem die Oktobersonne über Arizona immer noch mit 30 Grad auf den Asphalt knallt. In Tucsons 22. Straße, eine Autostunde von der mexikanischen Grenze entfernt, wartet eine Gruppe von Latinos auf Arbeit: allesamt ohne Aufenthaltsgenehmigung. Plötzlich biegt ein Kleinlaster um die Ecke, und die Männer springen auf den fahrenden Pick-up. "So geht das schon seit einer Woche", berichtet Francisco Sánchez, 25, aus der südmexikanischen Provinz Chiapas.

HB TUCSON. Vor acht Monaten hat sich Sánchez in einem dreitägigen Marsch durch die Wüste nach Arizona geschmuggelt. Bei einem Bekannten in Tucson fand er Unterschlupf. Seitdem ist die 22. Straße für Sánchez das Tor zur Hoffnung. Manchmal hält ein Amerikaner an, und er hat Glück. Dann kann er für einige Tage als Küchenhilfe oder Bauarbeiter malochen. "Im Schnitt zahlen sie uns fünfeinhalb Dollar pro Stunde", sagt Sánchez. Er ist einer der acht bis zwölf Millionen Illegalen im Land, fast ausnahmslos Latinos. Sie gehören zur Reserve-Armee amerikanischer Dienstleister.

Doch nicht jeder bleibt im Heer der Billig-Jobber. Der 40-jährige Miguel Méndez kam 1988 illegal aus dem mexikanischen Oaxaca nach Tucson. Ursprünglich wollte der angehende Tierarzt seine Doktorarbeit fertig schreiben und sich nebenher als Kellner durchschlagen. "Ich habe gemerkt, dass ich hier viel mehr Geld machen kann als daheim", sagt Méndez. Vor sieben Jahren wurde er amerikanischer Staatsbürger. Heute ist er Chef seiner eigenen Gärtnerei, beschäftigt vier Angestellte und hat am Monatsende 6 000 Dollar auf dem Konto. Méndez wird am 2. November den demokratischen Kandidaten John Kerry wählen: "Er sorgt eher dafür, dass meine drei Söhne eine ordentliche Schulbildung erhalten", gibt er als Begründung an. Dafür würde er auch höhere Steuern zahlen.

So wie Méndez denken viele. Nach einer Umfrage des Hispanic Pew Research Centers steht für die Latinos die Ausbildung ganz oben: 54 Prozent nennen dies als wichtigstes Thema. Danach folgen Jobs und Krankenversicherung (je 51 Prozent). Erst an vierter Stelle wird der Krieg gegen den Terror erwähnt (45 Prozent). Eine Liste, die fast identisch mit dem Programm Kerrys ist. Kein Wunder, dass derzeit 60 Prozent der Latinos den Demokraten wählen würden und nur 32 Prozent Präsident George W. Bush.

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