Warum die Schweiz so schön ist

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Warum die Schweiz so schön ist

Warum, so habe ich heute einen Arbeitskollegen gefragt, "warum lauft Ihr Schweizer, die ihr in einem so schönen Land wohnt, so oft mit hängendem Mundwinkel herum?" Die Antwort des Kollegen, der seine Mundwinkel hinter einem Vollbart verborgen hat, lautete: "Damit niemand merkt, dass es hier so s...

Warum, so habe ich heute einen Arbeitskollegen gefragt, "warum lauft Ihr Schweizer, die ihr in einem so schönen Land wohnt, so oft mit hängendem Mundwinkel herum?" Die Antwort des Kollegen, der seine Mundwinkel hinter einem Vollbart verborgen hat, lautete: "Damit niemand merkt, dass es hier so schön ist und uns vielleicht besuchen kommt." Das war eine eidgenössische Antwort. Sie beinhaltet allen Stolz, den die Menschen hier mit sich herum tragen, und all ihr Unvermögen, damit entspannt umzugehen.

Dabei gibt es Grund zur Entspannung: Die Schweizer sind nach wie vor ein reiches Volk. Der Durchschnittsverdienst eines Haushalts liegt bei mehr als 6000 Euro. Die Arbeitslosigkeit liegt knapp unter vier Prozent. Dass sich dieses Land das leisten kann, hat zwei Gründe, die der liebe Kollegen mit seiner Antwort geliefert hat: Die Schweizer schotten sich gegenüber dem Rest der Welt, so gut es geht, ab. Preise werden hier gemacht und müssen nicht weltmarktfähig sein, da Produkte, die von außen kommen, mit hohen Zöllen belegt sind. Tarifverträge sind weitgehend unbekannt. Gewerkschaften machtlos und die stärkste Gruppierung ist eine Partei, die sich den Alleingang der Schweiz in der Weltgemeinschaft auf die Fahnen schreibt. Das Land ist dennoch schön, weil es friedlich ist und niemals Zertörungen ausgesetzt war. Dadurch hat sich innerhalb der Familien ein Vermögen aufgebaut, das, wenn es nicht von einer Generation versoffen wurde, stetig gewachsen ist. Die Schweizer sind ein Volk von Erben - und das ni cht erst seit dreißig Jahren, sondern eher seit dreihundert Jahren. Auch deswegen geht es ihnen gut.

Dass dennoch Unsicherheit vor allem im Umgang mit den Menschen aus dem "großen Nachbarkanton" Deutschland herrscht, mag seine Ursache darin haben, dass die Eidgenossen ein Gefühl für die Vergänglichkeit ihres Paradieses entwickelt haben.Immer mehr internationale Firmen, die hier ihren Sitz haben, hämmern den Menschen ein, dass die Insel der Seeligen irgendwann von der rauhen See der Seelenlosen erfasst werden könnte.

Noch allerdings sind die Berge so hoch, wie die Zollschranken. Das Bankgeheimnis, dem das Land ebenfalls einen Großteil seines Wohlstands verdankt, hält so fest, wie die Schweizer zu ihm stehen. Und es gibt auch den einen oder anderen, der das zu würdigen weiß. "Nicht arbeiten", sagte kürzlich ein Bankier in Genf zu mir, "geht nicht in der Schweiz. Aber nicht arbeiten müssen - das geht."

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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