Warum einige Börsen immer nur Potenzial haben
Alte Irrtümer sind erste Hilfe für 2003

Drei Jahre Baisse und die größten Kursverluste seit den zwanziger Jahren sollten jeden Anleger stählen und keinesfalls abstumpfen lassen. Schmerzvolle Verluste eingestehen und klassische Irrtümer aus 2002 zu entlarven, ist eine erste Hilfe für 2003.

HB DÜSSELDORF. "Die Konjunktur zeigt Schwäche, die Unternehmensergebnisse ziehen erst im zweiten Halbjahr wieder an." Was wie gesunde Skepsis erscheint, ist ein hohes Maß an Optimismus. Volkswirte und Analysten bemühen immer wieder das kommende zweite Halbjahr, obwohl Wirtschaftsdaten und Frühindikatoren keine Erholung signalisieren. Eine Belebung in sechs Monaten zu prophezeien ist fahrlässig, solange es dafür keine zuverlässige Grundlage gibt. Der Erfahrungsschatz, wonach sich auch früher die Wirtschaft irgendwann erholt hat, ist schön, reicht aber nicht aus. Denn tatsächlich lässt sich die Dauer einer Stagnation oder gar Rezession nicht vorhersagen.

"Europäische Aktien sind gegenüber US-Titeln unterbewertet. Deshalb haben sie mehr Potenzial." Die Behauptung stimmt, die Schlussfolgerung leider nicht. Nach klassischen Kennzahlen wie Dividendenrendite oder Kurs-Gewinn- und Kurs-Buchwert-Verhältnis sind europäische, vor allem deutsche Blue Chips, deutlich preiswerter als amerikanische. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass dies seit 50 Jahren so ist. Die Leitbörse New York gönnt sich den Aufschlag in dem Bewusstsein, dass sie die Kursrichtung für die Weltkonjunktur und Börsen der Industrienationen vorgibt. Einzig Japan führt ein Eigenleben - allerdings ein negatives. Gleiches droht Deutschland, wenn sich ausländische Investoren so wie bisher abwenden, weil das größte Euroland ein mieses Image vermittelt. Wachstum, Arbeitslosigkeit und Verschuldung bestätigen den Eindruck. Bislang spricht nichts dafür, dass 2003 der Bewertungsabschlag gegenüber den USA geringer wird.

Teufel steckt im Detail

"Börsen fallen in der Rezession." Nein, bereits vier bis acht Monate vorher beginnt die Aufwärtsbewegung. Der Teufel steckt aber im Detail. Wenn die Mehrheit am Markt mit keiner herkömmlichen Wirtschaftsschwäche, sondern mit Schlimmerem rechnet, dann ist es zu früh, schon während eines Abschwungs Aktien zu kaufen. Solange Szenarien einer Deflation oder eines "Double dip", also des erneuten Abtauchens der Wirtschaft nach einer Rezession, nicht vom Tisch sind, ist ein nachhaltiger Börsenaufschwung in weiter Ferne.

"Gold ist als Anlage uninteressant. Es wirft keine Dividenden ab." Bis zum Herbst war dies gängige Meinung. Abgesehen von wenigen Ausnahmen hatten die Finanzhäuser bis zum Sommer keine Re- search-Abteilungen für die Anlage Gold. Dabei steigt der Preis für das Edelmetall seit Anfang 2001 immer rasanter. In der Vorweihnachtszeit sind fast alle Banken auf den längst angefahrenen Zug gesprungen und bewerben Gold als "Anlage zur Beimischung". Potenzial hin oder her - entscheidend ist die Nachfrage. Solange diese höher als das Angebot ist, steigt der Preis. Die Voraussetzungen dafür bleiben günstig. Neben der Kriegsangst am Golf spricht der schwache Dollar für Gold. Euro und Yen bieten sich auf Grund der Wirtschaftsschwäche in Euroland und Japan kaum als Alternative zum Greenback an. Hinzu kommen ökonomische Ungleichgewichte in den USA, wie hohe Verschuldung der Firmen und Privathaushalte, Leistungsbilanzdefizit, Überkapazitäten und mangelnde Nachfrage. Sorgen vor einer Deflation á la Japan erhöhen das Potenzial für das Edelmetall als "sicheren Hafen".

"Kaufempfehlungen entwickeln sich besser als Verkaufsempfehlungen." Für Blue Chips belegen Statistiken das Gegenteil. Prominentes Beispiel ist die T-Aktie. Nach der Emission 1996 äußerten sich vor allem jene Finanzhäuser skeptisch, die nicht die Deutsche Telekom an die Börse begleitet hatten. In der Folge stieg der Kurs aber von knapp 20 auf 104 Euro. Als nur noch weniger als fünf Prozent der Analysten zum Verkauf rieten, begann der Sturzflug. Grund für die gegenläufige Entwicklung ist weniger, dass Banken mit Hilfe der Kaufempfehlungen ihre eigenen Aktien teuer versilbern. Kaufempfehlungen haben längst das Interesse der (Groß)-Investoren gefunden. Es gibt also mehr potenzielle Verkäufer als Käufer. Ebenso wie die Börse vor einem Wirtschaftsaufschwung zulegt, steigen die Kurse vor der Flut an Kaufempfehlungen.

Quelle: Handelsblatt

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