Warum Turbos und Discount-Zertifikate boomen
Spekulieren und Anlegen sind zwei Paar Schuhe

Trotz der anhaltend schlechten Börsenverfassung erfreuen sich zwei innovative Aktienprodukte eines stetigen und auch rasanten Zuwachses. Was liegt also näher, als über so genannte Discount- Zertifikate und Turbos zu berichten, zumal es sich nach landläufiger Meinung ja bei beiden um "Derivate" handelt.

Als "Derivat" bezeichnet man eine Anlage, die nicht direkt in Aktien erfolgt, sondern indirekt, d.h. abgeleitet. In diesem Sinne wäre also auch ein Aktienfonds ein Derivat - was für ein ketzerischer Gedanke.

Gemäß Börsenstatistik betrug der Umsatz in Turbos im 3. Quartal 2002 bereits über 6 Mrd. Euro, und das, obwohl Turbos erst seit gut einem Jahr in Deutschland angeboten werden. Im September haben Turbos sogar erstmals mit den klassischen Optionsscheinen, die im gesamten 3. Quartal noch mit über 11 Mrd. Euro vorne lagen, gleichgezogen. Da Turbos ähnliche Spekulationsbedürfnisse wie Optionsscheine ansprechen, kann es zu einer gewissen Marktverdrängung kommen. Demgegenüber nehmen sich die stetigen, aber moderaten Umsatzzuwächse bei Discount-Zertifikaten sowie deren Gesamtumsatz von über 1 Mrd. Euro im 3. Quartal bescheiden aus. Doch hier vergleicht man Äpfel mit Birnen. Turbos wie Optionsscheinen werden durchschnittlich kürzer als 2 Wochen gehalten. Discount-Zertifikate werden gekauft und verbleiben meist bis zur Endfälligkeit in 12 bis 18 Monaten im Depot. Betrachtet man die Höhe der Bestände in Anlegerdepots, dann würde sich wahrscheinlich ein umgekehrtes Bild ergeben. Die durchschnittliche Ordergröße bei Discount-Zertifikaten ist mehr als zehnmal so hoch wie bei Turbos, was ebenfalls auf stark unterschiedliche Investorengruppen deutet.

Ein Turbo eröffnet die Möglichkeit, ähnlich wie ein Optionsschein, mit Hebelwirkung in Aktien zu investieren. Dies funktioniert nicht durch den Einsatz von Optionen (wie beim Optionsschein), sondern in der Art eines kreditfinanzierten Aktienkaufs. Ein Investor, der z.B. 3 000 Euro in Aktien investieren möchte, aber nur 1 000 Euro zur Verfügung hat, kann einen Lombardkredit über die fehlenden 2 000 Euro aufnehmen. Die gekauften Aktien muss er dann als Sicherheit bei seiner Bank hinterlegen. Sollten die Aktien um 33% fallen, dann wird die Bank die Sicherheit auflösen, also die Aktien verkaufen, um die Rückzahlung des Kredites über 2000 Euro zu sichern. Schließlich wollte ja der Anleger spekulieren, und nicht die Bank. Steigen jedoch die Aktien auf z.B. 4 000 Euro, dann hat der Anleger nach Rückzahlung des Kredites sein eingesetztes Kapital verdoppelt, obwohl die Aktien selbst nur um 33% gestiegen sind. Man spricht von einem Hebeleffekt, hier 3:1, da der Anleger mit seinem Einsatz das dreifache Kapital bewegt.

Ein Turbo ist nichts anderes als Aktie und Lombardkredit in einem Wertpapier. Wenn ein Anleger in den DAX bei einem Stand von 3 000 Punkten mit Hebelwirkung einsteigen möchte, dann wählt er einen Turbo mit Strike 2 000. Das kostet ihn nur 1 000 Euro plus ein kleines Aufgeld für die Kreditzinsen (Finanzierung von 2 000 Euro auf die Laufzeit des Turbos von meist 3 bis 9 Monaten). Steigt der Dax, partizipiert er durch den Hebel dreifach, fällt der Dax, verliert er auch dreifach. Auch beim Turbo gilt die banale Erkenntnis, dass mehr Chancen nur mit mehr Risiken erkauft werden können. Fällt der Dax während der Laufzeit sehr stark bis zu einer Kursschwelle (knock-out), welche die meisten Emittenten bei ca. 100 Punkten über dem Strike ansetzen (also 2 100 Punkte), dann wird ein stop-loss ausgeübt. Der Turbo wird sofort fällig gestellt, d.h. der Anleger erhält den Erlös der verkauften Aktien (zum nächsten erzielbaren Verkaufskurs) minus dem Strike, was einer Deckung des Kredites entspricht, sowie das verbleibende Aufgeld (also die Kreditzinsen bis Endfälligkeit). Die Schwelle von 2 100 dient als Schutz vor Kurssprüngen; denn sonst könnte es passieren, dass der Dax z.B. am Abend bei 2 005 schließt und am nächsten Morgen bei 1 950 öffnet. Der Anleger müsste dann zur Deckung seines Kredites nicht nur die Aktien verkaufen, sondern noch Geld nachschießen.

Wie erklärt man nun den rasanten Erfolg der Turbos, vor allem zu Lasten der Optionsscheine? Sie lösen das Transparenzproblem! Seit Existenz der Optionsscheine, haben die meisten Anleger die Preisbildung dieser Produkte nicht verstanden. Der Einfluss der Volatilität oder der Verlust von Zeitwert hat viele Anleger immer wieder überrascht. Beides sind jedoch eindeutig spekulative Instrumente, die hauptsächlich von einer kleinen Schar sehr aktiver Kunden (oft über Direktbanken) gekauft, oder besser gehandelt, werden. Dass manche Emittenten ihre Turbos als Turbo-Zertifikate bezeichnen und sich damit im Licht dieser seriösen Anlageinstrumente sonnen, ändert daran nichts. Turbos sind, nicht der Konstruktion nach, sondern im Geiste, Optionsscheine, d.h. eigentlich sogar noch etwas riskanter als diese, da der Anleger auch während der Laufzeit sein Geld unwiderruflich verlieren kann. Aber manche Leute lieben das Spiel mit Risiko und Chance - Spielkasinos haben schließlich auch ihre Freunde.

Discount-Zertifikate sprechen ein gegensätzliches Bedürfnis an. Der Anleger erwirbt eine Aktie, oder gleich einen ganzen Aktienindex, mit einem Abschlag (Discount). Er partizipiert an der Wertentwicklung, jedoch maximal bis zu einem Höchstbetrag. Der Verzicht auf eine überdurchschnittliche Performance wird durch den verbilligten Einstieg kompensiert. Steht der Dax z.B. bei 3 000 Punkten, dann kostet der Discounter mit Höchstbetrag 3 000 nur 2 500 Euro. Sollte der Dax in den nächsten 15 Monaten fallen, dann wirkt der Discount als Sicherheitspuffer. Erst bei einem Dax-Endstand unter 2 500 Punkten erleidet der Anleger einen teilweisen Verlust, der aber wesentlich geringer ausfällt, als der bei einer Direktanlage in die Aktien selber. Bewegt der Dax sich nicht, erzielt der Anleger die volle Wertaufholung von 2 500 auf 3 000 Punkte, also 20% Rendite. Discount-Zertifikate sind also nicht nur sicherer als eine Direktanlage in Aktien, sie ermöglichen sogar eine Renditesteigerung bei stagnierenden Märkten.

Dass dies nicht nur in der Theorie, sondern auch der Praxis so funktioniert, zeigen die Ergebnisse einer gerade von UBS Warburg veröffentlichten Studie. Vergleicht man die Anlageergebnisse aller von UBS seit 1999 emittierten Discounter mit der zeitgleichen Direktanlage, hätten die Anleger in ca. 85 % der Fälle mit dem Discounter besser abgeschnitten. Nur dann, wenn die Aktie stark gestiegen ist, hat sie den Discounter geschlagen, weil dieser weniger stark gestiegen ist. In vielen Fällen haben Discounter Verluste, die man mit Aktien hätte hinnehmen müssen, verhindert oder vermindert.

Discount-Zertifikate sind also der Traum des konservativen Anlegers. Deshalb verwundert es auch nicht, dass alle Bankberater, die das Konzept verstanden haben, dieses Produkt empfehlen. Discounter vermindern nämlich das "Berater-Risiko", also die Gefahr, in schlechten Börsenzeiten einen Kunden wegen zu hoher Verlusten zu verlieren.

Turbos und Discount-Zertifkate: das ist also, als vergliche man frisierte Mofas mit komfortablen Limousinen. Letztere werden beide als KFZ bezeichnet, unterscheiden sich aber von der Kundengruppe doch recht deutlich. Erstere haben gemeinsam, dass manche Leute sie als "Derivate" bezeichnen. Turbos ermöglichen jedoch ein Investment mit spekulativem Hebel, während Discounter Risiken reduzieren. Je nach Mentalität des Anlegers eröffnen sich so zwei interessante Alternativen zur direkten Aktienanlage.

Spekulieren oder Anlegen, das sind die unterschiedlichen Motive beim Einsatz von Turbos und Discountern. Selbst einige deutsche Banken scheinen ein Problem mit dieser Unterscheidung zu haben, da sie Discount-Zertifikate zu den Turbos in die höchste Risikoklasse einordnen (als "Termingeschäfte") und somit ihren Kunden vom Kauf abraten. Aber Spekulieren und Anlegen zu unterscheiden, damit scheint auch die wiedergewählte Bundesregierung ihre Probleme zu haben.

W. Humpert, Leiter Investment Produkte Deutschland bei der UBS Warburg AG

Quelle: Handelsblatt

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