Warum Wall Street und Venture Capitalists den Speichersektor lieben
Kolumne: Geld im Speicher

So virtuell wie oft behauptet, arbeiten die Internetfirmen nicht. Sie kommen zwar möglicherweise mit verhältnismäßig wenig Raum aus, dafür aber ist ihr Speicherbedarf enorm. Auch die Old Economy, darauf bedacht, den Anschluss an die Moderne zu halten, braucht immer mehr Platz für ihre Daten. Marktforscher sprechen von geradezu gigantischen Wachstumsraten. Der Venture-Capital-Branche und der Wall Street sagen sie damit aber nichts Neues. Über geringe Kapitalausstattung müssen sich die Speicher-Hersteller nicht beklagen. Wenn, dann leiden sie nach wie vor unter dem Stigma geringer Innovationsfreude. Unternehmer und Aktionäre dürfte das weitgehend egal sein: Die Rendite jedenfalls stimmt bislang.

Der Aufstieg der Speicherfirmen hat plausible Ursachen: Der Bedarf an Speicherkapazität eines klassischen Großunternehmens verdoppelt sich etwa pro Jahr, und das allein würde genügen, um den Industriezweig zu nähren. Derzeit liegt der typische Bedarf eines Konzerns bei etwa 150 TeraBytes. Falls Ihnen das nichts sagt: Ein Terabyte sind tausend Gigabytes. Und für diejenigen, die sich beizeiten an neue Standards gewöhnen wollen: Ein weiterer Faktor Tausend führt zu Petabytes.

Dass wir dieses Vokabular lernen müssen, liegt am Internet. Denn bei E-Commerce Firmen wächst der Speicherbedarf jedes Jahr um das 5- bis 8-fache. Industrieexperten erwarten daher in den nächsten Jahren ein mittleres Wachstum von etwa 300 Prozent per annum - da wacht selbst die superlativ-verwöhnte High-Tech Branche auf. Forrester Research behauptet sogar, im Jahre 2003 werde durchschnittlich drei Viertel des IT-Budgets eines Unternehmens für Speicher ausgegeben. Zudem wird Speicher-Leistung ein PR-Thema: Schon heute ist bei einem Großunternehmen der Zusammenbruch des Speichers kein internes Malheur mehr. Die Presse liebt es, derartige Pannen am nächsten Tag groß auszubreiten.

306 Millionen Dollar Risikokapital für Speicher-Unternehmen

Auch den Wagniskapitalgebern und nicht zuletzt den Investoren an der Wall Street ist das "Geld im Speicher" nicht entgangen. Der Speicher-Sektor an der Nasdaq hat im Verlauf eines Jahres mehr als 100 % an Wert gewonnen. 306 Millionenn $ Risikokapital flossen in den vergangenen 12 Monaten laut Venturewire in Speicher-Unternehmen. Noch ein Signal macht hellhörig: Im Juli kaufte Cisco Systems unterwartet NuSpeed Systems für 450 Millionen $ - ein starkes Signal wie jede Akquisition des Internet-Giganten. Und in einer typischen Woche Mitte September wurden zwei Venture-Deals publik: Die renommierten Mohr, Davidow Ventures investierten 10 Millionen $ in Panasus (aus Pittsburgh). Storageway aus Fremont im Silicon Valley erhielt 36 Millionen US$ von einem Venture-Konsortium. All dies ist noch nicht vergleichbar mit dem Ansturm der Geldgeber auf Startups der Optiktechnologie, zeigt aber gleichwohl, dass die Speicherunternehmen im Kommen sind.

Wie in vielen Branchen gibt es auch bei den Speichermedien einen Gorilla im Markt. Der heißt EMC und hat in punkto Marktkapitalisierung inzwischen die Spitzenliga erreicht. EMC kann als ein "IBM"-Enkel verstanden werden. In den siebziger Jahren dominierte IBM alles: Chips, Betriebssysteme, Datenbanken, Netzwerke, Speicher und mehr. Heute haben wir in diesen Gebieten mehrere Marktführer mit beachtlicher Marktkapitalisierung. Intel (304 Milliarden $), Microsoft (320 Milliarden $), Oracle (221 Milliarden $), Cisco Systems ( 408 Milliarden $) und EMC (220 Milliarden $). Die Marktkapitalisierung hat Stand vom 25. September. Wenn Sie den heutigen Stand wissen wollen, müssen Sie eben nachrechnen. Die Unternehmensdaten finden Sie, wie immer bei Handelsblatt.com, rechts in der Kontextnavigation. Sehen kann man auf jeden Fall: IBM selbst ist mittlerweile Schlusslicht (208 Milliarden $). Allerdings ist der Speicherspezialist EMC trotz seiner beachtlichen Erfolge und aggressiven PR-Kampagnen der vergangenen Jahre außerhalb der Industrie noch immer wenig bekannt. CEO Michael Ruettgers lässt sich dadurch nicht beirren. Er arbeitet weiter an der Vision des "universal storage tone" analog zum "universal dial tone" beim Telefon. Eines Tages soll es von überall auf der Welt Zugang zu Datenspeichern geben - auf Basis von EMC-Software, natürlich.

Schon jetzt rühmt sich das Unternehmen der umfassendsten Software rund um das Speichern von Daten. In den vergangenen drei Jahren wies EMC ein jährliches Wachstum von durchschnittlich 37% in Umsatz und 45% im Ergebnis auf, mit analogen Prognosen für die nächsten Jahre. Im vorigen Quartal übertrtaf es erstmals die Zwei-Milliarden-Dollar-Umsatzmarke. Die Begeisterung der Wall Street für den Sektor lässt sich an den astronomischen Kurs-Gewinnverhältnissen ablesen: EMC wird derzeit zum 103-fachen der prognostizierten Ergebnisse von 2001 gehandelt. Wen das schwindelig macht: Hauptkonkurrent Network Appliances mit einer Marktkapitalisierung von 41 Milliarden $ wird mit dem 355-fachen der aggressiven 2001-Erwartung gehandelt. Andere Hochflieger in dem Sektor sind Veritas (Speicher-Verwaltung) und Brocade (Speicher-Netzwerk-Switches).

Speicherdichte mit mehr Leistungszuwachs als Prozessoren

Der Grundmotor, der ein derartiges Wachstum ermöglicht, sind die enormen Sprünge in der Speicherdichte, die sich jedes Jahr verdoppelt. Speichermedien entwickeln sich also schnller als Prozessoren, deren Leistung sich nach Moore?s Gesetz "nur" alle 18 Monate verdoppelt. Allerdings ist die erfolgreiche Hardwareindustrie bei Speichern so starkem Wettbewerb ausgesetzt, dass sie aufgrund der hauchdünnen Margen von den Wertzuwächsen des Sektors ausgeschlossen bleibt.

Bei allem Wachstumshype kann selbst das technologieverliebte Silicon Valley der Kerntechnologie indes nach wie vor wenig abgewinnen. Innovativstes Konzept der letzten Jahre war das sogenannte "Storage Area Network". Die Grundidee besteht darin, dass bei der exponentiellen Zunahme des Speicherbedarfs im Internet-Umfeld das Speichermedium von den Web-Servern getrennt werden und auf ein eigenes Netzwerk wandern. Dies entlastet die Server-Prozessoren, erlaubt unabhängige Skalierbarkeit und vermeidet Datenreplikation. Bei aller Anerkennung des potenziellen Werts dieses (teuren) zusätzlichen Netzwerks, neu ist die Idee beileibe nicht: Erinnern wir uns nur der "Back-End-Netzwerke" der siebziger und achtziger Jahre, die sich betriebswirtschaftlich selten lohnten. Andererseits gibt es bei optischen, insbesondere holographischen, Speichern hochinteressante technologische Entwicklungen - allerdings sind diese auf absehbare Zeit von untergeordneter Marktbedeutung.

Wo geht nun die Reise aus Investorsicht hin? Bei den attraktiven Wachstumsprognosen sind selbst heutige Aktienpreise kein Tabu: Schließlich gewann auch Cisco in den ersten drei Jahren nach seiner Markteinfühhrung 1400%, aber in den nächsten sechs Jahren legte es nochmals 5400% zu. Neue, offene Standards können die Profitabilität der Marktführer (und der Branche) sicherlich reduzieren. Bis es dazu kommt liegt das Geld aber nicht nur wohl behütet im "Speicher", es hat auch gute Chancen sich dort angemessen zu vermehren.

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