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Was Arbeitnehmer bei der Kündigung beachten sollten

Werde ich angesichts der Krise meiner Branche jemals wieder einen Job finden? Wie reagieren Freunde und Familie? Bin ich zu alt? Kann ich den gewohnten Lebensstandard halten? Was erwartet mich auf dem Arbeitsamt? Eine Nummer ziehen, eine Nummer sein? Eine unter wohl schon bald wieder vier Millionen. Wer gekündigt wird, hat viele Fragen. Und die alle auf einmal.

DÜSSELDORF. Gerade wer sich im Job stark engagiert hat und sich über die berufliche Position definiert, erlebt deshalb oft ein regelrechtes Trennungstrauma, bei dem die Gefühle Achterbahn fahren. Zusätzlich verstärkt wird das Chaos im Kopf durch die Art, wie Trennungen ablaufen. "Viele Vorgesetzte setzen sich im Gespräch kaum mit der Situation des Betroffenen auseinander. Folglich empfindet der die Entlassung als persönliche Niederlage, sein Selbstwertgefühl ist erheblich verletzt", meint der Frankfurter Management-Coach Uwe Böning.

Es nützt jedoch wenig zu resignieren - auch wenn die Kündigung ungerecht erscheint oder die Lage mancher Branchen kaum eine andere Option bietet. Denn nur wer sein Schicksal aktiv in die Hand nimmt, kann die persönliche Krise meistern. In manche Fällen eröffnet die Kündigung sogar eine neue Chance. Zuerst einmal gilt es aber, sich angemessen aus dem bisherigen Job zu verabschieden. Negative Gefühle gegenüber dem alten Arbeitgeber sind durchaus erlaubt, Wutausbrüche und Beschimpfungen des Exchefs dagegen nicht. "Hinterlassen Sie keine verbrannte Erde", rät Wolfgang Lichius, Partner der Personalberatung Kienbaum in Gummersbach. "Potenzielle neue Arbeitgeber erkundigen sich oft beim alten Unternehmen über einen Kandidaten." Auch wenn eine Klage häufig Aussicht auf Erfolg hat, lässt sich im Aufhebungsvertrag vieles einvernehmlich regeln.

Viele Entlassene bemühen sich sofort hektisch um einen neuen Job, um den scheinbaren Makel, arbeitslos zu sein, möglichst schnell zu tilgen. Dabei geht jedoch viel Energie verloren. "Es ist wichtig, sich erst einmal die eigene Situation in allen Details bewusst zu machen", sagt Isolde Debus, Beraterin am Frankfurter Büro für Berufsstrategie. Von dieser Analyse ausgehend, kann man sich gezielt neu orientieren. Der erste Schritt ist deshalb, sich noch einmal mit den Gründen für den Rauswurf zu beschäftigen. "Wer realisiert, dass er seine Situation nicht selbst verschuldet hat und dass er nicht als Einziger betroffen ist, steigert sein Selbstbewusstsein", meint Beraterin Debus. Für das weitere Vorgehen ist das wichtig. Schließlich sind Selbstzweifel ein schlechter Bewerbungsratgeber. Sie lassen sich auch durch eine genaue Analyse der eigenen Fähigkeiten bekämpfen.

"Die Bestandsaufnahme sollte möglichst umfassend sein", sagt Marianne Waltemate von der Outplacement-Beratung Lee Hecht Harrison, die im Auftrag von Unternehmen gekündigte Führungskräfte bei der Jobsuche unterstützt. Das bedeutet: Zum eigenen Potenzial gehören nicht nur die im letzten Job gefragten Fähigkeiten, sondern auch Kenntnisse, die man sich bei einer früheren Beschäftigung oder in der Freizeit erarbeitet hat. "Dadurch ergeben sich oft ganz neue Perspektiven und viele erkennen, dass sie eigentlich schon lange lieber etwas anderes machen wollen", sagt Waltemate. Wer diesen Prozess abgeschlossen hat, sollte sich rasch auf die Suche nach einem neuen Job machen. Zwar hilft das Arbeitsamt über die ersten Engpässe hinweg, doch sollte man nicht zu lange von Staates Gnaden abhängig sein. Ab sechs Monaten Arbeitslosigkeit werden Personaler skeptisch. Mehrere Studien haben außerdem gezeigt, dass die Motivation sich einen neuen Job zu suchen schon nach drei Monaten erheblich nachlässt.

Bleibt die Frage: Wo sich bewerben? Beim Durchblättern der Stellenanzeigen in der Tageszeitung hat es derzeit den Anschein, als gäbe es überhaupt keine Angebote mehr. "So schlecht wie es auf den ersten Blick aussieht ist der Markt aber nicht", meint Michael Eckert von der Düsseldorfer Personalberatung Höchsmann&Partner. "Manche Unternehmen nutzen jetzt die Chance, sich relativ kostengünstig mit qualifizierten Mitarbeitern zu verstärken." Weitere Möglichkeiten der Jobsuche bieten die großen Internetjobbörsen oder von sich aus auf einen Personalberater zuzugehen. Besonders effektiv ist jedoch der Weg über persönliche Kontakte. Denn Bekannte in anderen Unternehmen wissen als Erste, wann eine neue Stelle frei wird. So gelang es etwa einem 35-jährigen IT-Experten acht Wochen nachdem sein Arbeitgeber die von ihm aufgebaute E-Commerce-Abteilung geschlossen hatte, bei einer Versicherung eine neue Stelle mit gleichen Aufgaben zu finden. Ein ehemaliger Unternehmensberater-Kollege, mit dem er in Kontakt geblieben war, hatte ihm den entscheidenden Tipp gegeben.

Die Jobsuche in Krisenzeiten ist dennoch alles andere als leicht. "Sie müssen gut mit Frustrationen umgehen können", sagt Personalberater Lichius. Wer wieder eine Stelle finden will, muss kreativ und flexibel sein und sich über traditionelle Berufsbilder hinwegsetzen. Schließlich gibt es auch in anderen Branchen vergleichbare Tätigkeiten, für die Außenstehende qualifiziert sind. "Die wichtigste Frage ist nicht mehr, wie ich einen neuen Job bekomme, sondern was ich in Zukunft machen will", sagt der Düsseldorfer Outplacement-Berater Herbert Mühlenhoff. So streben derzeit zahlreiche ehemalige Investmentbanker in andere makelnde Berufe, wobei die Palette bis zum Stromhändler reicht. "Sie müssen bereit sein, sich in neue Themengebiete einzuarbeiten", sagt Mühlenhoff. Wer dabei erfolgreich ist, kann seiner Karriere noch einmal neuen Schub geben. Mühlenhoff kennt Fälle, in denen Mitarbeiter aus der Forschungsabteilung ins Marketing wechselten. Und dort glücklich geworden sind.

Die Erfahrung hat auch Tino Schaloske gemacht. Als der Leiter der Hardwarefertigung eines großen Computervertriebs im November 2001 die Kündigung erhielt, hatte er angesichts der Marktlage zunächst große Bedenken, etwas Neues zu finden. Doch schon nach wenigen Wochen unterschrieb er bei der auf mittelständische Unternehmen spezialsierten IT-Beratung HIR einen neuen Arbeitsvertrag. "Hier habe ich die Gelegenheit, sehr kundenorientiert zu arbeiten", sagt er. "Das hat mir in meinem alten Job immer gefehlt."

Quelle: WirtschaftsWoche

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