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Was behindert junge Unternehmen am meisten, Herr Entenmann?

Im Wahlkampf reden wieder alle von neuen Arbeitsplätzen, die unser Land dringend braucht. Ich kann Ihnen sagen, wo es dafür in den nächsten Jahren nach wie vor viel Potenzial geben wird: In den Branchen Internet, Telekommunikation und IT - auch wenn die in den vergangenen Jahren sehr positive Arbeitsplatzentwicklung in diesen Wachstumsmärkten derzeit rückläufig ist.

Viele der in den 90er-Jahren gegründeten Unternehmen haben den Konjunkturabschwung nach dem Platzen der Börsenblase nicht überlebt, und leider ist es nur wenigen deutschen Firmen gelungen, in dem wichtigen Wachstumsmarkt IT/Telekommunikation international eine führende Rolle zu übernehmen. Deshalb fehlen heute in vielen interessanten Segmenten aufstrebende deutsche Wachstumsunternehmen. Auf Grund des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds sind auch entsprechende deutsche Unternehmensgründungen rar gesät.

Wichtigstes Ziel der Politik muss daher sein, das Gründerklima neu zu beleben und positive Wachstumsimpulse zu setzen. Ansonsten droht sich eine Entwicklung zu wiederholen, die schon bei Computer-Hardware und-Software stattgefunden hat: Die Märkte werden von ausländischen Anbietern dominiert; deutsche Produkte werden sowohl im Ausland als auch bei uns zur Seltenheit.

Eigentlich hat Europa gegenüber der sonst starken amerikanischen und asiatischen Konkurrenz insbesondere bei Mobiltelefonie und M-Commerce dank einheitlicher GSM-Übertragungsstandards und der Verbreitung digitaler Endgeräte eine hervorragende Ausgangsposition. Auffällig ist aber, dass man es offenbar nur in Nordeuropa versteht, diese Position zu nutzen. Vor allem Finnland und Schweden bringen wesentlich mehr erfolgreiche junge Technologieunternehmen hervor als wir in Deutschland.

Wachstumsmärkte mehr fördern

Will Deutschland aufschließen, muss die Bundesregierung die staatlichen Rahmenbedingungen wesentlich stärker auf die Förderung von Wachstumsmärkten ausrichten. Der Deutsche Multimedia-Verband hat es mit einem Vier-Punkte-Plan aufgezeigt: Erstens muss der digitale Unternehmer, der Produzent digitaler Leistungen, durch klare urheber- und patentrechtliche Regeln davor geschützt werden, dass systematisch andere die Früchte seiner Arbeit ernten können.

Zweitens müssen sich Arbeitsverhältnisse und Weiterbildung flexibler gestalten lassen. Junge, innovative Unternehmen sollten von der strikten Regulierung von Beschäftigungsverhältnissen für bestimmte Fristen nach ihrer Gründung ausgenommen werden. Vor allem müssen die Freiräume für befristete, projektbezogene Beschäftigung größer werden.

Drittens muss die Beratung und Begleitung von Unternehmensgründern besser werden. Zwar bieten Bund, Länder und Europäische Union viele Fördermöglichkeiten - rund 15 Milliarden Euro pro Jahr stehen in mehr als 200 Förderprogrammen an Zuschüssen, zinsgünstigen Förderdarlehen und dergleichen bereit. Doch schon beim Start des Unternehmens lauern Fallen: Wer vor der Antragstellung begonnen hat, kann die meisten Förderprogramme nicht mehr nutzen. Und die Beratung der Banken lässt oft zu wünschen übrig, sie sehen hier offenbar kein lohnendes Geschäftsfeld. Gleichzeitig verlieren Jungunternehmer gerade in der "heißen Phase" der Gründung häufig viel Zeit mit Behördengängen. Viel wäre gewonnen, würde man die Beratung und Begleitung von Firmengründern besser auf Founding-Agenturen konzentrieren, die alles Nötige aus einer Hand bieten können.

Staatliche Bürokratie belastet im Übrigen alle kleineren Unternehmen: Aus Furcht, im Paragrafendschungel Fehler zu machen, müssen sie sich mit Rechtsanwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern umgeben. Hier besteht ein direkter Zusammenhang: Die dafür nötigen Aufwendungen verhindern die Schaffung von Arbeitsplätzen, falls sie Unternehmensgründungen nicht von vornherein zunichte machen.

Viertens sollte den Unternehmen der digitalen Wirtschaft die Teilnahme an der attraktiven Zahl öffentlicher Aufträge erleichtert werden. Die Aufträge werden dezentral von den einzelnen Behörden vergeben - das erschwert den Überblick. Wir schlagen daher vor, den in Ansätzen schon beschrittenen Weg zu einem zentralen Ausschreibungsportal der öffentlichen Hand zu forcieren.

Es wäre eine Fehlinterpretation, diesen Aufruf für einen "Ruf nach dem Staat" zu halten! Ein innovativer Markt hat seine eigenen Spielregeln. Zu viel staatliche Regulierung wirkt sich da nur hinderlich aus. Eigene Erfahrungen bei Paybox belegen es aber ebenso wie Gespräche mit vielen Unternehmensgründern: Der Staat wird meist ausschließlich als Kontrollinstanz empfunden. Um ein Bild aus dem Straßenverkehr zu nutzen: Statt die Infrastruktur zu verbessern und Straßen zu bauen, fokussiert der Staat auf die regulierende Funktion der Verkehrspolizei und behindert damit mögliches Wachstum. Von staatlicher Beratung oder gar Förderung ist wenig bis nichts zu spüren.

Für eine attraktive Entwicklung des Standorts Deutschland muss die Wirtschaftspolitik sicherstellen, dass heute jene Unternehmen gegründet werden und wachsen können, die den Zukunftsmarkt IT und Telekommunikation international vorantreiben. Nur wenn dies nachhaltig gelingt, könnten sie bald eine ähnlich starke Stellung einnehmen wie heute etwa deutsche Automobilunternehmen in ihrer Branche.

Mathias Entenmann ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Paybox.net AG. Er gehört dem Board des Deutschen Multimediaverbandes (dmmv) an.

Aufgezeichnet von Dietrich Creutzburg.

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