Was Chrysler schon hinter sich hat, droht auf mittlere Sicht auch General Motors
Kommentar: US-Autobauer stehen vor Einschnitten

Glimmer, Glamour, Lobeshymnen: Die Automobilbranche nutzt ihre großen Messen gern als Anlass für pompöse Feste. Doch auf der Automesse in Detroit werden die aufwendigen Showeinlagen matt bleiben. Die wichtigste amerikanische Autoschau erwischt die heimischen Automobilhersteller mitten im Stimmungstief. Für 2002 erwarten die meisten Branchenexperten einen Absatzrückgang von etwa zehn Prozent auf dem US-Markt. Das sind schlechte Voraussetzungen für die Messe, die in dieser Woche beginnt.

Am stärksten hängt bei der Nummer zwei der Branche, dem Ford-Konzern, der Haussegen schief. Um 5,5 Prozent sind die Verkäufe des Herstellers aus Dearborn bei Detroit im vergangenen Jahr auf dem US-Markt gefallen. Das Ford-Produktionssystem ist auf hohe Auslastung ausgelegt. Bedingt durch den zu erwartenden Nachfragerückgang steht Ford vor der Frage, was mit den überschüssigen Kapazitäten geschehen soll. Die Antwort wird für den Freitag dieser Woche erwartet: Dann will der US-Konzern sein lange angekündigtes Sanierungsprogramm verkünden. Wahrscheinlich werden mehrere Fabriken aufgegeben; Tausende müssten dann das Unternehmen verlassen.

Auf den ersten Blick sieht der Absatzrückgang des Rivalen Chrysler noch dramatischer aus: Gut neun Prozent hat die US-Sparte des Daimler-Chrysler-Konzerns im vergangenen Jahr auf dem heimischen Markt verloren. Doch was Ford noch bevorsteht, hat Chrysler zu weiten Teilen bereits hinter sich gebracht. Schon vor einem Jahr hatte das Unternehmen ebenfalls Werksschließungen und den Abbau von 26 000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Insofern tut der hohe Absatzrückgang längst nicht so weh wie bei Ford. Chrysler baut bewusst Kapazitäten ab und musste im vergangenen Jahr deshalb zwangsläufig Marktanteile verlieren. Gesundschrumpfen als Strategie: Erst wenn Kostenstruktur und Modellprogramm wieder stimmen, ist an neues Wachstum zu denken.

Angesichts des schwachen nordamerikanischen Marktes stellt sich bei Chrysler allerdings die Frage, ob das beschlossene Programm zur Restrukturierung reichen wird. Die US-Sparte von Daimler-Chrysler hat eine ausgewiesene Schwäche mit ihrem Programm an Personenwagen. Viel besser verkaufen sich hingegen Minivans und Geländewagen. In Finanzkreisen wird deshalb bereits darüber spekuliert, dass Chrysler vielleicht noch in diesem Jahr zusätzlich ein Pkw-Werk aufgeben könnte.

Unbeeindruckt von den Schwächen der Konkurrenten zeigt sich bislang Branchenführer General Motors (GM). Im Unterschied zu den Wettbewerbern ist es den GM-Strategen im vergangenen Jahr sogar gelungen, den Marktanteil zu steigern.

Doch auch der größte Autohersteller der Welt kann sich vom schwachen Gesamtmarkt nicht komplett abkoppeln. So ist auch bei GM im vergangenen Jahr das absolute Verkaufsvolumen geschrumpft. Die gesamte Branche hat Überkapazitäten aufgebaut - auch GM muss angesichts der schwachen Nachfrage darauf reagieren.

Die Einschnitte, die Chrysler hinter sich und Ford unmittelbar vor sich hat, drohen auf mittlere Sicht auch bei General Motors. Die Detroit Motor Show wird erste Signale dafür geben, wohin die Reise von GM geht.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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