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Was haben eigentlich Berlusconi und Chirac gegen Kalakukko?

Finnen sind ruhige Zeitgenossen. Normalerweise. Aber was zu weit geht, geht zu weit. Als Italiens Premier Silvio Berlusconi im vergangenen Monat die EU-Lebensmittelbehörde in Parma feierlich eröffnete, überraschte er die staunenden Zuhörer mit einem Geständnis.

Finnen sind ruhige Zeitgenossen. Normalerweise. Aber was zu weit geht, geht zu weit. Als Italiens Premier Silvio Berlusconi im vergangenen Monat die EU-Lebensmittelbehörde in Parma feierlich eröffnete, überraschte er die staunenden Zuhörer mit einem Geständnis. "Ich bin schon in Finnland gewesen und war gezwungen, deren Esskultur zu ertragen". Geraune im Saal, nervöses Beißen auf den Lippen der anwesenden Gäste, hatte sich doch auch Finnland um den Sitz der Lebenmittelbehörde beworben. Und nun so eine Attacke, anstatt Dankbarkeit ob der finnischen Zurückhaltung in der Standortfrage zu zeigen.

Na, ja, der Mann hat sich nicht das erste Mal um den gelifteten Kopf und Kragen geredet. Doch dieses Mal war's den Finnen einfach zu viel. Prahlte er doch auf jener Eröffnungsfeier auch noch mit seinen "Playboy-Qualitäten", mit deren Hilfe er Finnlands Präsidentin Tarja Halonen so bezirzen konnte, dass die Nordeuropäer freiwillig auf die Behörde verzichteten. Große Worte eines kleinen Mannes. Welche Playboy-Eigenschaften er an den Tag legen musste, blieb zum Glück sein Geheimnis.

In Finnland schlugen die Wellen nach der italienischen Attacke hoch. Der finnische Bauernverband rief die Bevölkerung sogar zu einem Boykott italienischer Lebensmittel auf. Kaum hatte sich die Aufregung etwas gelegt, erfolgte der nächste Schuss vor den Bug: Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac ließ bei seinem Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und Russlands Präsident Wladimir Putin in Kaliningrad sein Urteil über die Vertrauenswürdigkeit anderer EU-Partner los: "Man kann Leuten nicht trauen, die eine solch schlechte Küche haben. Nach Finnland ist Großbritannien das Land, in dem man am schlechtesten isst".

Der französische Pfeil war natürlich Richtung London abgeschossen worden, traf aber direkt in das Herz der Finnen. "Franzosen können über Kartoffeln sicherlich 20 Minuten lang lyrisch schwärmen, wir dagegen haben viel zu wenig PR für unsere Küche gemacht", räumte Sterne-Koch Mikael Björklund aus Helsinki ein. Doch nun ist der Schaden geschehen, die Mär von der schlechten finnischen Küche ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Da wirken auch Versuche der Schadensbegrenzung hilflos, wenn zum Beispiel ein finnischer EU-Parlamentarier Chirac zu einem finnischen Dinner einlädt.

In Finnland versuchen jetzt die großen Zeitungen im Gegensatz zu manchen britischen Revolverblättern nordisch entspannt zu reagieren: Auf Doppelseiten werden ausländische Diplomaten und Touristen nach ihren Geschmackserlebnissen befragt. Und siehe da: So schlecht schneidet die finnische Küche in deren Urteil gar nicht ab. Nach einer Vielzahl von Reisen nach Finnland kann ich dem nur beipflichten. Die finnische Küche ist von der des großen Nachbarn Russland geprägt. Eine gemeinsame, oft blutige Geschichte sowie eine über 1200 Kilometer lange finnisch-russische Grenze lässt sich aus den Kochtöpfen nun einmal nicht ganz verbannen. Zum Glück, macht sie doch den Reiz der finnischen Kochkunst aus. Smörgåsbord und Lachs in allen erdenklichen Farb- und Geschmacksschattierungen gibt es schließlich überall.

Und die Zeiten, in denen jeder Blumenkohl einzeln nach Helsinki geflogen werden musste, sind auch längst vorbei. Heute kann sich der Gaumen über frisches Gemüse freuen, das während des langen, hellen Sommers prächtig gedeihen kann. Und dann wär da noch der Fisch, der nicht wie sonst vielfach üblich, wochenlang in Trockeneis lagern muss, bevor Hand an ihn gelegt wird: In Finnland schwimmt er vor der Haustür, kommt frisch aus einem der tausenden und abertausenden Seen oder direkt aus der Ostsee. Nicht zu vergessen Elch- und Rentierfleisch, am besten aufgetischt mit wilden Beeren und Pilzen. Also, Signor und Monsieur, auf nach Finnland, wo es übrigens in der Hauptstadt sogar drei Restaurants mit den begehrten Michelin-Sternen gibt!

Dort findet man allerdings nicht Kalakukko. Das ist eine finnische Spezialität, ein Roggenbrot mit einer Füllung aus Fisch und Speck. Das Ganze wird stundenlang im Ofen gebacken, damit sich das Aroma auch bis in das letzte Korn vorkämpfen kann. Eine gewagte Mischung, finden Sie? Mir schmeckt es besser als Saumagen.


Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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