Was hat Saddam Hussein noch im Arsenal?
Alliierte wappnen sich gegen Chemiewaffen

Bei ihrem Vormarsch auf die irakische Hauptstadt treffen die US-Truppen bisher auf überraschend wenig Widerstand. Doch noch ist die Festung Bagdad nicht erobert. Wird Saddam Hussein in einem Akt letzten Aufbäumens auch Chemiewaffen einsetzen? Die Amerikaner bereiten sich auf alle Eventualitäten vor.

WASHINGTON. Und wann fällt Bagdad? US-Generalmajor Stanley McChrystal stapelt tief: "Wir rechnen nicht damit, die irakische Hauptstadt schnell einzunehmen." Offensichtlich hat das amerikanische Militär Lehren aus der allzu optimistischen Propagandakampagne zu Beginn des Krieges gezogen: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte den Eindruck erweckt, das irakische Regime lasse sich durch die Androhung von massiven Luftangriffen ("Angst und Schrecken") zur vorzeitigen Kapitulation bewegen.

Dennoch hat die US-Armee in den vergangenen Tagen ihren Vormarsch bis auf wenige Kilometer vor Bagdad fortgesetzt. Sowohl die vom Süden kommende 3. Infanteriedivision als auch die von Südosten vorstoßende Marine-Infanterie trafen auf relativ wenig Widerstand. Auch die auf rund 60 000 Mann geschätzten Republikanischen Garden - die Eliteeinheiten Saddam Husseins - konnten die Amerikaner nicht stoppen. Einzelne Verbände der Republikanischen Garden hatten sich außerhalb von Bagdad eingegraben und wurden aus der Luft schwer bombardiert. "Die Iraker sitzen in der Falle: Feuern sie auf die US-Flugzeuge, verraten sie dadurch ihren Standort - bewegen sie sich, werden sie beschossen", meint Gebhard Schweigler vom National War College in Washington, einer Elite-Universität für künftige Generäle.

Das Pentagon ist daher zuversichtlich, dass Saddams Regime bald zusammenbricht. "Die Munitionsvorräte der Iraker schwinden, die Moral der Truppen wird durch das Dauerbombardement zermürbt", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter im US-Verteidigungsministerium. "Wenn es keine Überraschungen gibt, könnten die großen konventionellen Gefechte bis Mitte April vorbei sein."

Die Amerikaner müssen jedoch mit hartnäckigem Widerstand in Bagdad rechnen. US-Oberbefehlshaber Tommy Franks hat die Wahl, den Vormarsch bereits jetzt zu starten oder auf Verstärkung zu warten: Die ersten Verbände der ursprünglich für die Nordfront in der Türkei vorgesehenen 4. Infanteriedivision könnten bereits Anfang kommender Woche aus Kuwait eintreffen. Dass die Amerikaner mit großem Invasionsheer und Panzerbataillonen angreifen, ist allerdings unwahrscheinlich. "Dies ist die schwierigste und verlustreichste Kampfform", heißt es in einer Studie des US- Generalstabes. Seit Monaten feilen Militärs an ihrer Strategie für die Schlacht um Bagdad. Sie beginnen mit dem Versuch, die Stadt abzuriegeln, verlautet aus dem Pentagon. Die Bevölkerung - rund fünf Millionen Menschen - werde zum Widerstand gegen das Saddam-Regime aufgefordert. Die ersten Ziele der Alliierten seien es, die Tigris- Brücken und den internationalen Flughafen von Bagdad zu besetzen.

Ein wichtiges taktisches Element ist der Einsatz von kleinen, hoch mobilen Spezialeinheiten. Ihr Auftrag: Sie sollen führende Mitglieder des irakischen Regimes jagen, Massenvernichtungswaffen suchen und für die Luftwaffe strategisch wichtige Ziele per Laser-Signal markieren. "Wir lassen uns nicht in einen Häuserkampf hineinziehen", unterstreicht ein hochrangiger Beamter im US-Verteidigungsministerium. "Wir schalten Abschnitt für Abschnitt aus, bis die organisierte Gegenwehr zusammenbricht."

Dennoch bleibt eine große Unbe- kannte: Verfügt Saddam Hussein über biologische oder chemische Waffen? Und - wenn ja - setzt er sie auch ein? Das Risiko steige, je näher die Truppen nach Bagdad vorrückten, heißt es im Pentagon. Die US-Soldaten der vordersten Einheiten, die schon in die "Rote Zone" 50 Kilometer vor der irakischen Hauptstadt eingedrungen sind, trugen gestern bereits Schutzanzüge und Gasmasken.

Als Bedrohung betrachten die USA vor allem die irakischen Frog-7-Raketen, die eine Reichweite von 64 Kilometern haben und mit Giftgasgranaten bestückt werden könnten. Aber auch der Einsatz der irakischen Luftwaffe, die bislang am Boden blieb, ist denkbar. "Saddam könnte die Maschinen für ein letztes Aufbäumen mit Selbstmord-Attentätern und Massenvernichtungswaffen aufbewahrt haben", warnt Anthony Cordesman vom Institut für Strategische und Internationale Studien, einer Denkfabrik in Washington.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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