Was Hollywood seine Oscar-Verleihung, ist der Internet-Szene der Webby Award in San Francisco. Morgen wird der Preis zum sechsten Mal vergeben.
Peter Pan kommt gleich

Maya Draisin schwelgt in Euphorie: "Wir haben mehr Nominierungsvorschläge bekommen als je zuvor", jubelt die quirlige Mit-Organisatorin des Webby, dem Internet-Oscar, der morgen Abend in San Francisco vergeben wird.

In 30 Kategorien - von E-Commerce über Internet-Kunst, Finanzen, Spiritualität, Politik bis hin zu Reisen und Skurrilem - werden die besten Web-Seiten von der International Academy of Digital Arts and Sciences, einem unabhängigen Wahlgremium, ausgezeichnet. Der Preis: Eine mit Einsen und Nullen verzierte Metall-Spirale, die den liebevollen Namen Webby trägt.

Die Vielfalt der Nominierungen erfreut: Neben den üblichen Verdächtigen - der Internet-Suchmaschine Google.com und dem Internet-Warenhaus Amazon.com - haben eine ganze Reihe von weniger bekannten Web-Seiten den ersten Ausleseprozess für den begehrten Preis überstanden.

So gehört die Online-Präsenz des Vatikans ebenso zu den Kandidaten wie ein Informationsdienst zu Islamwissenschaften der University of Georgia. Die Web-Seite der US-Armee ist genauso vertreten wie die der amerikanischen Friedensbewegung.

Widersprüchlich? Vielleicht. Auf jeden Fall aber ein Spiegel des wirklichen Lebens. "Die Nominierungen von 2002 zeigen, was das Internet am besten kann: Menschen verbinden, unterhalten und das alltägliche Leben verbessern", urteilt Tiffany Shlain, die die Webbys vor sechs Jahren startete.

Neben ernsten Online-Diensten wie dem der Nasa gibt es Verwunderliches - zum Beispiel Legodeath.com. Was es dort zu sehen gibt? Niedliche kleine Lego-Figuren, die auf grauenhafte Weise umkommen - unter einer Guillotine aus Legosteinen oder in einer Flugzeugturbine.

"Die Webbys sind eine gute Gelegenheit, mal wieder abseits der gewohnten Internet-Adressen zu schauen, was es im Netz noch so gibt", meint Mit-Organisatorin Draisin. "Von Klasse bis Kitsch" umschreibt die US-Regionalzeitung "LA Times" die Selektion.

Auch die Gewinner dürften den Rahmen des Konventionellen sprengen: Schließlich sitzen im 350 Mitglieder starken Auswahlkomitee so unterschiedliche Leute wie Larry Ellison, Vorstandschef des Datenbankherstellers Oracle, Pop-Ikone David Bowie, Film-Regisseur Francis Ford Coppola, die Internet-Visionärin Esther Dyson und die finnische Sängerin Björk.

Fragenkatalog für die Juroren

Damit die Entscheidungen nicht ganz so schwer fallen, haben die Organisatoren der Jury einige Fragen an die Hand gegeben, die bei der Auswahl helfen sollen: "Wie hat Technologie Ihr Leben verändert?", ist einer der Denkanstöße. "Worin haben Sie sich schon mal richtig geirrt, was haben Sie unterschätzt?", ein anderer.

Neben den Preisen, bei denen der Geschmack der Jury zählt, gibt es in diesem Jahr erstmals Webbys, bei denen die Zahl der Klicks zählt. Die Preise für den Aufsteiger des Jahres, die Top-US-Web-Seite und die globale Top-Seite werden gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Nielsen/Net Ratings vergeben, dessen Ergebnisse auch in Netzwert zu finden sind.

"Irgendetwas Komisches passiert bei den Webbys eigentlich immer", weiß Draisin. Schließlich lässt das Web ausreichend Raum zum Ausdruck der eigenen Individualität. So gewann im vergangenen Jahr in der Rubrik Skurriles ein über 40 Jahre alter Mann, der eine Peter-Pan-Web-Seite betreibt. Auf die Frage, ob er an der Preisverleihungs-Zeremonie teilnehmen könnte, antwortete er schlicht: "Selbstverständlich. Ich schnalle mir nur noch schnell meine Flügel an und komme angeflogen."

Von Internet-Überdruss und schlechter Stimmung ist im Vorfeld der Webbys nichts zu spüren - trotz der Dotcom-Pleiten. Im Gegenteil: "Das Angebot breitet sich sowohl thematisch als auch geographisch immer weiter aus", sagt Draisin, die seit der Gründung der digitalen Oscars im Jahr 1996 dabei ist. "In der internationalen Kategorie gab es im vergangenen Jahr elf Nominierungen, in diesem Jahr sind es schon mehr als doppelt so viele."

Damit nicht genug: Die Webby Awards planen die internationale Expansion - Europa, Lateinamerika und Asien stehen auf der Liste der möglichen Regionen. Schließlich gebe es dort viele interessante Seiten, die in der Landessprache und nicht in Englisch verfasst seien. Draisin meint: "Auch die sollte man würdigen. Uns fehlen nur noch die richtigen Partner, um regionale Webbys auf die Beine zu stellen."

Trotz der internationalen Expansionspläne ist die Webby-Feier in diesem Jahr um ein Vielfaches kleiner und beschaulicher als im Vorjahr. Statt mehr als 3 000 Gäste werden 316 erwartet, statt des opulenten War Memorial Opera Houses wurde der bescheidenere Saal der California Legion of Honor angemietet. "In diesem Jahr hielten wir es nicht für angemessen, eine große Gala zu veranstalten", sagt Webby-Gründerin Shlain. Nach den Terror-Anschlägen vom 11. September und in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation wäre ihr eine große Feier zu protzig. "Wir wollten mehr Dialog und einen frischen Ansatz für das Ereignis", berichtet die 32 Jahre alte Internet-Expertin, die vom US-Magazin "Newsweek" zu einer der Frauen gekürt wurde, die das 21. Jahrhundert mitgestalten werden.

Dass mit dem Platzen der Spekulationsblase auch das Ende des Internets als Medium für Kommerz und Information eingeleitet worden sei, will Webby-Direktorin Draisin nicht gelten lassen. "Die Angebote im Web haben es immerhin geschafft, 500 Millionen Menschen online zu schalten - und das ist ja auch schon etwas."

Doch ganz verschont von der Dotcom-Pleitewelle sind auch die Webbys nicht geblieben. Die religiöse Internet-Seite Belief-net.com hat nach der Nominierung vor wenigen Wochen Konkurs angemeldet.

Dass Nominierte und selbst Preisträger trotz der Auszeichnung Pleite gehen, findet Draisin aber gar nicht ungewöhnlich: "Jedes Jahr sind es zwei oder drei - die Quote ist aber über die sechs Jahre, in denen es die Veranstaltung gibt, recht konstant geblieben."

Die Dankensrede ist auf fünf Worte begrenzt.

Ein wohltuender Unterschied zu den Film-Oscars: Die Dankesreden sind auf fünf Worte begrenzt. "Die Leute zeigen große Kreativität, wenn es darum geht, viel mit wenigen Worten auszudrücken", schmunzelt Draisin. Ihr persönlicher Favorit ist die Dankesrede von Platics.com, eines Online-Magazins, das kurz vor der Zeremonie Konkurs anmeldete. "Nie war Pleitegehen so schön", witzelten die Ex-Geschäftsleute bei der Entgegennahme der Webbys. Der Online-Reisedienst akzeptierte den Webby mit den Worten: "Danke, jetzt fahren Sie fort."

Vielleicht geht es ja noch knapper: Wenn die Web-Seite des Vatikans gewinnt, wäre ein kurzes "Gott sei Dank" doch angemessen.

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