Was ist Deflation?
Kommentar: Peinlich, Mister President

Peinlich, peinlich, Mr. President. Der Chef des Weißen Hauses muss zwar keinen Doktortitel der Harvard Business School in der Tasche haben. Aber ein ökonomisches Grund-Vokabular darf man schon erwarten.

Die japanischen Zuhörer von George W. Bush staunten jedenfalls nicht schlecht, als der amerikanische Gast bei seinem Staatsbesuch in Tokio von "Abwertung" sprach, aber "Deflation" meinte. Die Märkte reagierten nervös wie sonst nur bei nebulösen Halbsätzen von Federal-Reserve-Chef Alan Greenspan. Der eh schon schwache Yen kam kurzzeitig unter Druck, bis eine Klarstellung dem Spuk ein Ende bereitete.

Da war er plötzlich wieder, der alte Bush. In seiner Anfangszeit als Präsident hatte er mit verquasten Wortungetümen mächtig für Wirbel gesorgt. Sätze wie "Menschen und Fische können friedlich miteinander koexistieren" wurden in den Fernseh-Talkshows genüsslich zerpflückt. Hohn und Spott hagelten auf den ehemaligen Gouverneur von Texas. Viele fragten sich: Hing die Washingtoner Messlatte für den Südstaatler nicht doch ein paar Nummern zu hoch?

In den letzten Monaten schien sich der Präsident jedoch gefangen zu haben. Vor allem nach den Terroranschlägen vom 11. September entwickelte Bush junior Führungsstärke und eine neue Ernsthaftigkeit. Seine Reden vor dem Kongress waren rhetorisch aus einem Guss, die Körpersprache saß - als ob der Präsident einen Blitzkurs in Sachen Kommunikation durchlaufen hätte. Und nun der "Deflations"-Schnitzer.

Die Panne wirkt umso peinlicher, als der US-Präsident zurzeit im Rampenlicht steht wie nie zuvor. Bushs massive Drohungen gegen den Irak und seine unilateralen Muskelspiele lösen jenseits des Atlantiks bange Spekulationen aus. An welchem Breitengrad liegt Mogadischu - ähem - Bagdad? Präzision ist oberstes Gebot, nicht nur bei möglichen Militäraktionen. Ein ungutes Gefühl bleibt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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