Was lernen Anleger aus der Vergangenheit?
Blick zurück im Zweifel

Der große Börsenboom ist seit gut zwei Jahren vorbei. Die Blase ist nicht geplatzt, aber die Luft ist nach und nach entwichen. Je nach dem, wie man rechnet, hat der Niedergang seither sogar ein dramatischeres Ausmaß erreicht als der legendäre Crash 1929. Wir haben also eine der größten Börsenkrisen der Geschichte erlebt. Wie sagte Goethe nach der Kanonade von Valmy: "Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."

DÜSSELDORF. In der Tat: Wir waren dabei. Schlimmer noch: Viele von uns haben mitgemacht. Je weiter der Boom zeitlich zurückliegt, desto stärker beschleicht einen das Gefühl, in eine Art von kollektivem Wahn verstrickt gewesen zu sein. Alle wussten, dass die Kurse nach jedem Maßstab der Vernunft viel zu stark gestiegen waren. Aber der Mensch ist in solchen Situationen ungeheuer kreativ und daher in der Lage, neue Maßstäbe zu erfinden und die alten für veraltet zu erklären. Ohne den Vergleich zu weit treiben zu wollen: Vielleicht haben sich Menschen, die einem politischen Kollektivwahn verfallen sind, hinterher ähnlich gefühlt und Kopf schüttelnd zurückgeschaut.

Nur wenige von uns haben den klaren Verstand behalten - wer kann schon in den Spiegel schauen und das in vollem Umfang für sich beanspruchen? Die Helden waren die wenigen (auch das ist ähnlich wie manchmal in der Politik), die nicht mitgemacht haben. Warren Buffett, der legendäre US-Milliardär, ist der berühmteste. Es gab auch andere Vermögensverwalter, die einem konservativen Stil treu geblieben sind - etwa die Manager der klassischen Templeton-Fonds. Allerdings ist man heute manchmal überrascht, wie viele Leute angeblich nie etwas mit dem Neuen Markt zu tun hatten - da lassen sich Ansätze einer kollektiven Verdrängung erahnen.

Ist das alles neu? Keinesfalls. Man muss nicht nur an den berühmten Boom der 20er-Jahre oder an kleinere Börsenblasen der vergangenen 50 Jahre denken. Der französische Autor Emile Zola beschrieb in einem dicken Roman (mit dem schlichten Titel "Das Geld") einen Börsenboom in Paris, der vor rund 140 Jahren stattfand. Damals war es auch schon so: Anfangs waren viele skeptisch, doch nach und nach ließen sich immer mehr Leute begeistern. Schließlich wurde der Boom nur noch mit Tricksereien aufrecht erhalten - damals mit verdeckten Aktienrückkäufen über Strohmänner. Statt über "Internet" und "New Economy" redeten die Anleger von Schifffahrts- und Eisenbahnlinien im Orient. Irgendwann brach alles zusammen. Damals ging das noch dramatischer zu als heute, nach dem "Krach" waren auch die meisten Makler pleite, die Börse wurde erst einmal ganz geschlossen.

Nebenbei schreibt Zola, dass sich solche Dinge alle 25 bis 30 Jahre wiederholen. Ein interessanter Hinweis. Stellen wir uns vor, in 25 bis 30 Jahren gäbe es den nächsten Boom. Bis dahin haben die meisten von uns graue Haare, viele sind im Ruhestand. Vielleicht werden wir von Anfang an erkennen, dass es wieder nur eine gewaltige Blase ist.

Aber wird das etwas verändern? Wohl kaum. Unsere Kinder - oder die Enkel - werden sagen: "Klar, ihr damals mit euren Internet-Aktien - war doch logisch, dass das nichts geben konnte! Aber heute ist alles ganz anders, wir leben in einer neuen Zeit..." Wenn sie höflich sind, werden sie sich den Zusatz verkneifen, dass wir eben zu alt sind, um die Welt zu verstehen.

Weil das so ist, hatte Zola Recht: Alle 25 bis 30 Jahre kann sich so ein Boom wiederholen. Die Menschheit wird in bestimmten Bereichen nicht wirklich klüger - und die Börse gehört wahrscheinlich dazu.

Fazit: Es lohnt sich zwar häufig, eine Weile mit der Masse zu schwimmen. Aber ab einem bestimmten Punkt ist die eigene Meinung sehr wertvoll. Noch eine Parallele zwischen Börse und Politik.

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