"Was wir geleistet haben, war richtig gut"
Deutsche Verlierer feiern wie die Weltmeister

Der Kanzler und Gattin Doris tanzten und sangen ausgelassen mit, bei Bier und Wein wurde auch Rudi Völler wieder locker, und selbst der untröstliche Final-Pechvogel Oliver Kahn verbarrikadierte sich nicht auf seinem Zimmer: Deutschlands ungekrönte WM-Helden feierten in der Nacht nach dem 0:2 gegen Brasilien trotzdem wie die Weltmeister.

dpa YOKOHAMA/JAPAN. Bis morgens um sieben dauerte im "Sheraton Bay Hotel" von Yokohama eine Verlierer-Party, die sich nach den offiziellen Reden zu einer echten Sause entwickelte. "Auf diese Nationalmannschaft ist Deutschland stolz", sagte Gerhard Schröder und erntete für seine Worte minutenlange Ovationen.

Als gegen halb vier in der Früh selbst die Pop-Gruppe Pur mit den Kräften am Ende war und den rund 250 Leuten im Saal "Nichirin" nicht länger einheizen konnte, übernahm "Party-König" Michael Ballack das Kommando am Mikrofon. "Wenn ihr jetzt Schluss macht, braucht ihr gar nicht mehr nach Deutschland einzureisen. Vor sechs geht hier keiner nach Hause", grölte der Leverkusener unter tosendem Beifall der Mitspieler und Spielerfrauen. Vom "aufgetauten" Völler wurde der 25-Jährige sogar zum Trikotwechsel mit Pur-Sänger Hartmut Engler aufgefordert. Danach raffte sich die Band doch noch zu einigen Zugaben auf, sangeskräftig unterstützt von Christian Ziege und dem textsicheren Jungstar Sebastian Kehl. "Es gibt nur einen Rudi Völler", stimmte Engler an - und die Nationalspieler fielen in den Chor ein.

Kanzler Schröder hatte kurz zuvor - aber erst zwei Stunden nach seinem Herausforderer Edmund Stoiber - die WM-Party verlassen, und großen Eindruck angesichts seines Stehvermögens hinterlassen: "Der Kanzler ist voll abgegangen, und die Jungs auch", kommentierte Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund, auf den diese Aussage ebenfalls zutraf.

Von Teamchef Völler fiel in den Stunden nach der ersten großen Enttäuschung die Last der sechs WM-Wochen ab. Eng umschlungen tanzte er mit Ehefrau Sabrina und nahm immer wieder auch viele seiner Spieler in den Arm. "Was wir bei dieser Weltmeisterschaft geleistet haben, war richtig gut", sagte Völler stolz. Nicht als Verlierer, sondern als Sieger landete das Nationalteam am Montag um 16.39 Uhr in Frankfurt am Main. Hunderte Fans und Flughafenangestellte nahmen den WM-Zweiten auf dem Rollfeld in Empfang. Direkt von dort aus ging es weiter auf den "Römer" zum großen Empfang durch die deutschen Fans.

Am Kanzler-Tisch hatte in Yokohama auch Franz Beckenbauer mit seinem früheren Spieler Völler die Köpfe zusammen. "Sensationell, wie es Rudi geschafft hat, das Schiff so zu steuern. Mehr konnte man wirklich nicht verlangen", sagte der "Kaiser" über "Rudi nationale", der in Asien einen großen Schub für die kommenden Ziele EM 2004 und ganz besonders die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auslöste. "Man hat ja noch Ballack, Deisler und andere junge Spieler, da sind schon tolle Perspektiven da", blickte der Organisations-Chef für das WM-Heimspiel in vier Jahren hoffnungsfroh nach vorne.

"Ich muss lange zurück denken, dass eine deutsche Nationalelf so gut Fußball gespielt hat", sagte Beckenbauer trotz der Niederlage durch Ronaldos "Doppelpack". Kahns spielentscheidender Fehler beim 0:1 hatte bei dem ehemaligen Teamchef Erinnerungen an die WM in Mexiko geweckt, als dem damaligen Schlussmann Toni Schumacher beim 2:3 gegen Argentinien ein ähnlich grober Schnitzer beim ersten Gegentor unterlief. "Ich habe auf der Tribüne sofort an 1986 gedacht, aber wir sind alles nur Menschen", nahm er Kahn in Schutz.

Als die Spieler am Montag in Tokio, gezeichnet von den Strapazen des Turniers und der durchfeierten Final-Nacht den Jumbo-Jet LH 717 bestiegen und es sich in der Business-Class bequem machten, wollte keiner mehr an Fußball denken. "Morgen Männer", rief Ballack den Journalisten und mitfliegenden Fans zu, wie Jens Jeremies und Christian Ziege verbarg er die Spuren der Nacht hinter einer Sonnebrille. "Wir freuen uns alle, wieder nach Hause zu kommen. Jetzt geht es erstmal weit weg", sagte Oliver Bierhoff, für den es wie für Marco Bode und Thomas Linke der letzte Tag im Kreise der Nationalmannschaft war.

Noch am Abend, nach dem Empfang in Frankfurt, verstreute sich das Team in alle Himmelsrichtungen. Endlich Urlaub. "Ich freue mich darauf, den Kleinen, Freundin und Familie wiederzusehen", sagte der im Endspiel gesperrte und schmerzlich vermisste Ballack, der am schon in 21 Tagen seinen Dienst bei seinem neuen Arbeitgeber Bayern München antreten muss. Viel Zeit zur Erholung bleibt den Stars nicht: Schon in fünf Wochen beginnt die Bundesliga wieder, am 21. August wird die Nationalmannschaft das erste Länderspiel als Vizeweltmeister in Sofia gegen Bulgarien bestreiten.

Auch Völler weiß, dass der Alltag die Spieler und ihn schnell wieder einholen wird. "Wir haben jetzt erstmal die EM-Qualifikation vor uns", blickte er noch in Japan auf das nächste Ziel voraus. Seiner Linie wird der Teamchef treu bleiben, die Mannschaft langsam, aber kontinuierlich zu verjüngen und für das Endziel WM-Titel 2006 aufzubauen. "Wir werden das so machen wie in den vergangenen zwei Jahren und den ein oder anderen heranführen. Wenn die Leistung stimmt, ist die Tür für alle offen", sagte Völler: "Aber das ist Zukunftsmusik. Solche Dinge werden wir erst besprechen, wenn der Urlaub vorbei ist."

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